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„Neue Lehrer braucht das Land (!/?)“
F. P. Nellen, Juni 2002



Nach der Pisa-Studie brachen in einigen Ländern die große Suche nach den Schuldigen, das Hervorzaubern von schnellen Lösungen und ein allgemeines Kompetenzgeschiebe aus. In Deutschland beklagt man den hohen Ausländeranteil und führt beispielhaft Klassen an, in denen nur 3-5 von 32 Schülern Deutsch sprechen können, die Schweiz „schlägt Alarm“, weil 40 Prozent der Schweizer laut einer OECD-Studie beschränkte bis sehr bescheidene Lesefähigkeiten besitzen, wobei bei der ausländischen Bevölkerung der Anteil der Menschen mit sehr geringen Lesekompetenzen sogar bei 63 Prozent liegt.

Mit diesen Zahlen meint man schnell, den Schuldigen gefunden zu haben. Das eigentliche Ziel solcher Studien ist aber nicht die Schuldzuweisung, sondern die Entwicklung von Lösungen. Eine Hauptforderung ist die nach „neuen Lehrern“, wobei einerseits die Lehrerausbildung, anderseits aber auch ein Umdenken der im Beruf stehenden Lehrer gemeint ist.

Nun ist diese Hauptforderung bekanntlich nichts Neues. Spätestens seit den berühmten 68ern taucht sie immer wieder auf, und zwar meistens im Zusammenhang mit dem Verhalten der Schüler und/oder der Erziehungsproblematik bei den Erziehungsberechtigten. Auch wir in unserem Institut für internationale Lehr- und Lernforschung haben diese Forderung schon oft gehört und versucht, unter Vermeidung von Schnellschusslösungen der Situation angepasste Lösungen zu finden, wobei sich die kursiv geschriebenen Wörter meist als Schlüssel des Erfolgs herausstellten.

Wie aber kreiert man der Situation angepasste Lösungen unter Berücksichtigung der Forderung nach neuen Lehrern?

Dazu zehn wahllos aufgeführte Aussagen und Forderungen aus den Medien der letzten Wochen:

1. „Ende der Kuschelpädagogik!“
2. „Viele Eltern wollen den Tag der Einschulung möglichst lange hinauszögern. Sie treibt die Frage um, wann ihre Sprösslinge die Zäsur am besten verkraften.“
3. „Wir sollen Sozialarbeiter sein, Krankengymnasten, Psychotherapeuten, und fürs gesunde Frühstück sind wir obendrein zuständig.“
4. „Wenn die Familien so kaputt sind und die Kinder feste Ansprechpartner brauchen, dann versuchen wir, das auch hinzukriegen.“
5. „Motivieren mit schlechten Kopfnoten? Da erreicht man doch das Gegenteil.“
6. „Wie will ich Schüler motivieren, eine gute Leistung zu erbringen, wenn beide Eltern gut ausgebildet zu Hause sitzen?“
7. „Redet nicht, handelt!“
8. „Der ideale Lehrer findet Kinder spannend. Und dann erst seine Fächer. Er nennt sich Experte für Vermittlung. Und nicht Anglist oder Germanist.“
9. „Vor allem aber: Kein eigenes Fernsehgerät für den Sohn oder die Tochter! Dafür unter Umständen auch einen wochenlangen Krach in der Familie aushalten.“
10. „Was wir brauchen ist also weniger eine Reform der Schulen, als vielmehr eine Neuorientierung aller an der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen beteiligten Kräfte. Hierzu zählen auch, und nicht zuletzt, die Medien.“

Setzt man diese zehn Zitate in einen Zusammenhang mit den Fakten der Realität in der Gegenwart und Zukunft, trifft man sehr schnell auf Paradoxes: Die Ausbildungsstätten für Lehrer sind immer noch auf die Qualifizierung von Spezialisten geeicht, sei es stufenspezifisch oder fachspezifisch. Es ist immer noch unvorstellbar, dass ein Gymnasiallehrer im Kindergarten unterrichtet und ein Kindergärtner im Gymnasium. Und in gleicher Form ist es unvorstellbar, dass ein Mathematiklehrer Musik unterrichtet und umgekehrt.

Zwar gibt es Ansätze, diese starren Gebilde aufzulockern. So besinnt man sich neuerdings in Baden-Württemberg (D), dass der Sek. I-Lehrer nicht mehr drei Schulfächer studiert, sondern lediglich zwei und dafür aber eine fächerübergreifende Disziplin vertieft. Dieses Konzept wird in Nordrhein-Westfalen (D) als bevölkerungsreichstem Bundesland schon seit vielen Jahrzehnten erfolgreich praktiziert. In den meisten Fällen, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz, wird jedoch verlangt, dass der Sek. II-Lehrer im Allgemeinen zwei Schulfächer, der Sek I.-Lehrer drei Schulfächer und der Grundschul/Primarlehrer „alles“ „können muss“. Und das Bild vom Kindergärtner ist allen bestens bekannt.

Die Entwicklung des Kindes über den Jugendlichen zum Erwachsenen zeigt aber gerade das Gegenteil: Je jünger der Mensch, desto schneller und intensiver ist seine Auffassungsgabe, desto wichtiger ist für ihn eine gezielte Wissensvorgabe. Somit setzen immer mehr Grund/Primarschulen von Anfang an auf ein zweisprachiges Konzept, das im Wesentlichen eine Kombination aus spielerischem, ziemlich freiem Lernen und sehr frühem Leistungsdenken darstellt. In dieselbe Richtung weist der noch frühere Ansatz, indem man zweisprachige Kindergärten einführt, bzw. die Vorschule ab dem ersten Lebensjahr, so wie es seit vielen Jahren in Spanien der Fall ist.

Ein wichtiger Aspekt ist aber das neue Überdenken des Gesamtschulkonzepts, so wie es in dem Pisa-Vorreiter Finnland zu finden ist. So scheint an Grund/Primarschulen nur noch individualisierender, offener Unterricht möglich, wo die Kinder selbstständig arbeiten. Dazu meint der Bildungsexperte Peter Struck: „Kinder lernen über Um- und Irrwege. Es macht keinen Sinn, junge Leute 13 Jahre lange mit roter Tinte, erhobenem Zeigefinger und bösen Blicken durch die Schulen zu verfolgen. Im Moment jagen wir die Fehler der Schüler und verknüpfen dadurch mit Lernen Angst. Beim Computerlernen dagegen bleibt der Bildschirm immer moralisch neutral, da steht einfach ‚Error’. Jeder Sechsjährige weiß heute schon, was das heißt – und macht einen neuen Anlauf. Wenn man sich anschaut, wie Kinder daheim lernen – zum Beispiel im Computerspiel von der siebten auf die achte Ebene zu kommen -, das funktioniert bestens ohne Lehrer und rote Tinte. Doch leider gehen die Menschen davon aus, dass kein Kind freiwillig lernen würde.“

Meines Erachtens dürfen wir aber nicht beim Vorbild Computerlernen stehen bleiben, da für den Schüler der zwischenmenschliche Kontakt das Nonplusultra darstellt, zumal wenn er aus einem Elternhaus kommt, wo diese Beziehung nicht im erwünschten Maße gepflegt wird – und das ist bekanntlich immer öfter der Fall. Und somit kommen wir wieder zurück zu der eingangs gestellten Frage nach neuen Lehrern. Abgesehen von der Tatsache, dass neue Lehrer, würde man die Ausbildung von heute auf morgen umstellen, frühestens in sieben Jahren zur Verfügung stünden, so zeigen die vergangenen Zeiten, dass sich der stete Ruf nach immer wieder neuen Reformen ad absurdum führt, da man nach Durchlauf einiger Reformen meist wieder zu einer ursprünglichen Form zurückgeführt wird. So wird der Ruf nach Kopfnoten wieder laut, nach Zensuren für Fleiß, Ordnung und Betragen. Andererseits sollen Schulen in Lernwerkstätten verwandelt werden, in denen der Pädagoge auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers eingehen kann. Oder das „Produktive Lernen“, wo sich die Lehrer auf die Schüler einstellen und nicht umgekehrt, wo die Schüler lernen sich selbstständig Wissen anzueignen – wobei es keine Rolle spielt, auf welchem Gebiet – und jeder Schüler seinen eigenen Bildungsplan hat.

All diese „innovativen Rückbesinnungen“, wie ich sie einmal nennen möchte, stellen indirekt auch die Frage nach dem Lehrerbild, das nun mal – freier Unterricht hin, freier Unterricht her – im Mittelpunkt steht. Im pädagogischen Musterland Finnland beispielsweise wird Bildung als Investition in die Zukunft allgemein anerkannt, d.h. Bildungsvermittler sind Protagonisten einer Zukunftsbranche. Wenn man in Finnland fragt, in welche Institutionen die Leute am meisten Vertrauen haben, dann landen Polizei, Justiz und Schule immer auf den ersten Plätzen.

Wir haben hier in Mitteleuropa – und auch anderswo – das Problem des Circulus vitiosus’, aus dem auszubrechen ein nicht einfaches Unterfangen wird. Schüler werden als eine „Horde lernunwilliger, ungezogener, an Fernsehunterhaltung gewöhnter Bestien“ (Bildungskritiker Dietrich Schwanitz) gesehen oder als „ein kritischer Konsument, der vom Hersteller und Vertreiber des Produktes Bildung permanent Preisnachlässe und Gratisbeigaben“ fordert (Kinderbuchautor Burkhard Spinnen).

Jedermann ist sich über die Sinnlosigkeit im Klaren, wenn man auf ein neues Lehrerimage und neue „brave und bildungshungrige“ Schüler warten will, um den „neuen Lehrer“ kreieren zu können. Vielmehr müssen wir bei den einzelnen Quellen des Unmuts beginnen. Und der Fachmann für Erziehungsfragen und Bildung sollte nun mal der Lehrer sein, wenn er sich nicht zum „Fachidioten“ hat ausbilden lassen.

Das Stichwort heißt Holistik. Damit ist im Schulumfeld einerseits die fächerübergreifende – oder besser fächerumfassende – Unterrichtskompetenz gemeint, andererseits aber auch Akzeptieren und Begegnen des Schülers als gesamtheitliches Wesen. In den oberen Etagen der Bildungsbehörden ist es schon seit einiger Zeit das Ziel, das der „neue Lehrer“ immer öfter in studienfremden Fächern unterrichten können muss. Dafür spricht auch die o.a. Tendenz, weniger in Fachwissen – das man sich ohnehin als Theorie schnell aneignen kann - als in übergreifendes Bildungs- und Vermittlungswissen zu investieren. Dazu gehört auch, dass der Lehrer sich vom Schubladendenken der letzten Jahrzehnte und des Curriculums befreit, und beispielsweise die Zusammenfassung (ehemals Disziplin Deutsch) im Musikunterricht übt, weil sie für ihn dort besser zu bewerkstelligen ist. Oder er unterrichtet die Intervalle (ehemals Disziplin Musik) im Fach Mathematik, weil ihm die Berechnung der Temperierung (12V¯2) als ein mathematisches Problem erscheint.

Für Peter Struck (s.o.) gibt es in Zukunft sogar keine einzelnen Fächer (Stundenplan) mehr: „Man beginnt beispielsweise morgens mit einem Gesprächskreis, in dem Kinder das Reden und Zuhören lernen, meist am Beispiel dessen, was sie am Vorabend erlebt oder im Fernsehen gesehen haben. Dann kommt in der Regel ein Rollenspiel zur Konfliktlösung und Turnen, um den Bewegungsmangel auszugleichen. Anschließend folgt in der Regel eine Stunde frontaler, lehrerzentrierter Fachunterricht. Am Schluss gibt es dann zwei Stunden Lernwerkstatt mit Wochenplanarbeit. An der Tafel werden die zu lösenden Aufgaben dieser Woche gestellt, und nun können de Kinder in von ihnen selbst ausgewählter Reihenfolge und Methode die Aufgabe lösen – allein, zu zweit, zu viert, ob mit Computer oder Internet, Sachbüchern oder einem Karteikartensystem. Sie müssen es nur bis zum Wochenende schaffen. Bei den Schulen, die den Tag bereits so strukturieren, kann man feststellen, dass die Kinder in kürzerer Zeit deutlich mehr lernen.“ Allerdings räumt Struck ein, dass dieses System im Gymnasium nicht so gut möglich ist, da dort immer noch das Fachlehrerprinzip störe; er fordert daher, dass in Zukunft die Klassenlehrer bis etwa Klasse 10 zwei Drittel aller Fächer anbieten: „In dem Maße, wie die Kinder selbst lernen, spielen Fachlehrer auch keine Rolle mehr. In kanadischen Schulen kann man das auch schon beobachten: Die Lehrer haben sich fast unsichtbar gemacht, weil die Kinder selbst lernen, der Lehrer ist nur ein Berater, der vor allem mit einzelnen Kindern zu tun hat. Für einen solchen Unterricht müssen sich auch die Räume verändern. Bei einer Lernwerkstatt braucht man eher großraumbüroartige Flächen, die mit Stellwänden aufgeteilt werden, und viele Nischen.“

Allerdings muss man einräumen, dass Struck seit über 25 Jahren nicht mehr als Lehrer an einer Schule unterrichtet hat und daher vieles aus einer gewissen Distanz beurteilt. Den Kern seiner Aussage jedoch, die fächerumgreifende Unterrichtskompetenz zu fordern, kann man nur unterstützen. Ja, man sollte sogar noch einen Schritt weitergehen und die Holistik auf die gesamtheitliche Anschauungsweise erweitern. Der Schüler ist eben nicht nur das Wesen, das wir im Unterricht beobachten, sondern in der meisten Zeit ein Individuum, das sich in einer Welt zurechtfinden muss, die ihm nicht immer wohlgesonnen ist. Das beginnt mit der Rollenfindung auf dem Pausenhof, geht zu Hause bei den Geschwistern und Eltern weiter; außerdem gibt es einen ständigen Kampf zwischen seiner individuellen Rollenfindung und der, die ihm in den Medien vorgegaukelt wird. Es wird meist auf beiden Seiten als zumindest befremdlich angesehen, wenn der Lehrer sich für den Schüler außerhalb des Unterrichts interessiert und vice versa – was in Internaten in gleicher Weise geschieht, nur mit anderen Zeitfaktoren.

Dem Menschen, der zur Zeit der Schüler ist, in seiner Gesamtheit zu begegnen, das sollte das eigentliche Ziel eines jeden Bildungsvermittlers sein. Damit steht das Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht mehr im Mittelpunkt – da der Schüler ja nur relativ kurzfristig Schüler ist -, sondern eine Mensch-Mensch-Beziehung, in der der eine dem andern aufgrund seines Erfahrungsschatzes helfen kann. Auch das klingt in der Theorie ganz schön und lässt eine große Freiheit auf beiden Seiten mitklingen.

Der Clou ist aber folgender: Der „neue Lehrer“, sprich Bildungsvermittler oder Berater, weiß aufgrund seiner Erfahrung meist besser, was der Schüler will, da letzterer noch nicht gelernt hat, seine tiefergehenden Bedürfnisse zu verbalisieren. Beispielsweise hat der Lehrer in seiner Ausbildung (hoffentlich!) gelernt, dass Kinder klare Grenzen gesetzt bekommen möchten, die wenigsten aber können diesen Wunsch formulieren. Also muss der Lehrer in der Lage sein, diesen Wunsch auch ohne spezielles Verlangen erfüllen zu können. Des Weiteren muss in der Ausbildung immer wieder auf die physiologische Entwicklung des Gehirns im Kindesalter hingewiesen werden, damit man im Unterricht diese Plastizität zur Auffüllung mit möglichst vielem Lernstoff ausnutzt. Das bedeutet wiederum: je jünger die Kinder sind, desto unterforderter sind sie im Allgemeinen. Hier sollte es einem Lehrer fast schwer fallen, mit neuer Herausforderung nachzukommen.

Ein weiterer Punkt ist die Leistungsbereitschaft. Kinder wollen leisten und bringen daher die nötige Bereitschaft mit. Der Lehrer muss nun „nur noch“ steuern, damit sich die Leistung hinterher mit dem deckt, was gefordert wird und zum Leben notwendig ist. Da jeder Mensch Stärken und Schwächen hat, sind diese auch schon im Kindesalter zu finden. Wenn der Schüler nun bei seinen Stärken „abgeholt“, erreicht wird und über seine Stärken lernt, mit seinen Schwächen fertig zu werden, dann ist das wichtigste Ziel schon erreicht: Der Mensch wird sein Leben überdurchschnittlich gut bewerkstelligen können.

Immer mehr erwachsene Menschen rennen zu Seminaren, wo sogenannte Erfolgstrainer, Motivationstrainer, Powertrainer usw. bis zu 23.000 Euro bzw. 30.000 Franken pro Tag an Menschen verdienen, die Schwächen an sich zu entdecken glauben, von denen sie meinen, sie nicht allein und gratis in den Griff bekommen zu können. Wir haben in unserem Institut (s.o.) solche „unsicheren“ Menschen nach dem Ursprung ihrer Schwächen gefragt und bekamen in fast allen Fällen die Schulzeit als Antwort mit dem Zitat: „Viele Menschen wissen, was sie nicht wollen, aber sie wissen nicht, was sie wollen“.

Somit ist es durchaus legitim, wenn der Lehrer von seinen Schülern verlangt, beispielsweise Gedichte auswendig zu lernen. Dieses Auswendiglernen macht – zumindest nach Meinung des Schülers – meist keinen Sinn für das spätere Leben, aber es ist ein Mittel zum Zweck: Der Lehrer trainiert die Plastizität des Gehirns, erweitert die „Speicherkapazität“ des Gehirns, damit der Schüler später seinen erweiterten Speicher sinnvoll einsetzen kann. Selbst beim Ladevorgang eines Akkus spricht man heute vom Memory-Effekt, d.h. je länger ein neu gekaufter Akku zu Anfang aufgeladen wird, desto größer wird seine Speicherkapazität. Wer von den Erwachsenen erinnert sich heute nicht mehr an ein auswendig gelerntes Gedicht, Lied oder das Einmaleins? Wir nutzen diese Speichererweiterung, um auch heute noch aufnahmefähig für Neues zu sein. Wenn das Eine fehlt – weil es in der Schule nicht trainiert wurde -, wird das Andere nicht möglich sein.

Das gleiche gilt für Verhaltensregeln, die, kurzfristig gesehen, ebenfalls wenig Sinn zu machen scheinen. Längerfristig gesehen jedoch wird deutlich, dass unser ganzes Leben von Verhaltensregeln bestimmt wird und wir in Schwierigkeiten geraten, wenn wir nicht rechtzeitig gelernt haben damit umzugehen.

Ein weiterer Clou ist das Wissen um die Intelligenz. Viele Psychologen sehen Intelligenz nüchtern – als ein Rädchen von den vielen, die uns am Laufen halten. Es gibt keine Definition von Intelligenz, und es gibt fast ebenso viele Theorien über sie wie Forscher, die sich mit ihr befassen. Den meisten Theorien ist aber gemeinsam, dass sie Intelligenz als eine Fähigkeit sehen, sich in neuen Situationen durch Einsicht zurechtzufinden oder Aufgaben durch Denken zu lösen. Entscheidend ist aber, dass dies nicht durch Erfahrung, sondern durch die schnelle Erfassung von Beziehungen ermöglicht wird. Mit anderen Worten: Intelligentere haben im Allgemeinen schneller den Überblick über ein unbekanntes Gebiet.

In dem heute immer komplexer werdenden Leben ist es also äußerst ratsam, „intelligent“ zu sein, um das Leben möglichst gut meistern zu können. Kann man aber Intelligenz erlernen? Oder anders gefragt: Was kann der Lehrer tun, damit der Schüler „intelligenter“ wird? Sicherlich hilft auch hier wieder die Holistik in der Erkenntnis, dass effizientes Unterrichten zum erfolgreichen Lernen führt. Lernprogramme werben mit den allgemein bekannten Adjektiven des Lernens:

- schnell: Die eigentliche Denkleistung des Gehirns funktioniert im Hintergrund, rasch, elegant und leise, ohne dass wir davon etwas merken. Was wir als Stress empfinden, sind Störprogramme oder Zensurinstanzen, die Zeit und Energie brauchen.
- leicht und locker: Fähigkeiten, die wir sehr gut beherrschen, haben wir meist mit Leichtigkeit und Freude gelernt. Das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.
- automatisch: Viele unserer Fähigkeiten wie Gehen, Schlucken, Sehen haben wir gelernt, bevor wir überhaupt wussten, dass es so was wie Lernen gibt. Das Gehirn liebt Herausforderungen.

Zur Holistik gehört aber schlussendlich auch die Tatsache, dass es trotz aller gutgemeinten Versuche Schüler gibt, die tiefer sitzende Aufnahmeblockaden haben und auch bei dem besten Lehrer nicht ohne Weiteres mitkommen. Auch hierzu gibt es sehr viele Stimmen, die meinen, den Grund gefunden zu haben; wichtiger ist es aber, eine Lösung zu finden. Bei den verantwortlichen Stellen in der Politik kommt man immer mehr zu dem Schluss, dass hier die Implementierung einer Art Ferienakademie vonnöten sei, wo schwächere Schüler in ihren Ferien Versäumtes nachholen können, ohne dass Unsummen an Nachhilfestunden bezahlt werden müssen (In unserem Nachbarland Frankreich gibt seit Jahrzehnten sogar in jedem Supermarkt Lernmaterialien für die Ferien, die entsprechend aufgemacht und an das Curriculum angepasst sind: auch eine bedenkenswerte Idee!). Diese Neuorientierung beinhaltet eine enge Zusammenarbeit von Schule, Elternhaus und Politik. Und dann heißt Neuorientierung vielleicht auch, wie es die Kultusministerin Annette Schavan anlässlich des Bildungskongresses am 29.4.2002 feststellte, in einer Wohlstandsgesellschaft Abstand zu nehmen von der Vorstellung, dass sich alles Wichtige mit Geld bezahlen lässt. Neuorientierung heißt dann auch, Abschied zu nehmen von dem Satz, wir können erst etwas ändern, wenn wir Geld haben.

Somit halte sich der neue Lehrer das vor Augen, was schon Michel de Montaigne sagte: „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt werden, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ Und das führt immer zu einem positiven Ergebnis!
 
 
 

* Obwohl in einigen wenigen Kreisen immer noch die Nennung der femininen Nominalform neben der maskulinen üblich ist, wurde hier darauf in dem Konsens verzichtet, dass immer beide Formen gemeint sind.