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Die FFM auf einen Blick

Sind Sie ein Rap oder ein Grunge Fan? O.K., der Sound ist vielleicht schon ein bisschen passé. Aber Jeans und T-Shirt streifen Sie sich doch ab und an über, wenn's auf eine Fete geht! Nein? Sie eilen nur noch in passend gestyltem Outfit - dernier Cri der Haute Couture versteht sich - zur nächsten Cocktailparty? Oder bleiben Sie grundsätzlich lieber auf der heimischen Chaiselongue und ziehen sich aus Chopins reichem Oeuvre eine dezente Nocturne auf dem CD-Spieler 'rein? Sorry, wenn Sie sich nicht outen möchten! Was Sie auf diese Fragen auch antworten, es interessiert uns nicht. Aufschlussreich wäre lediglich die Tatsache, dass Sie antworten. Sie wäre ein Beweis dafür, dass die "ausländischen" Vokabeln in unseren Fragen die Kommunikation nicht beeinträchtigen, d.h. dass Sie mit fremdem Sprachmaterial wie selbstverständlich umgehen. Und gerade auf solche "Selbstverständlichkeiten" haben wir es abgesehen. Unser Interesse richtet sich hierbei auf Varianten in Sprache und Sprachgebrauch, die als Ergebnis eines wie auch immer gearteten Berührungsprozesses zwischen verschiedenen Sprechern und Sprachgemeinschaften zu verstehen sind. Die Beschäftigung mit derartigen Erscheinungen soll dabei keineswegs irgendwelchen Berührungsängsten das Wort reden oder gar den puristischen Zeigefinger heraufbeschwören. Das obige Fragespiel ist lediglich ein winziges, zudem recht harmloses und selbstverständlich hinkendes Beispiel dafür, wie vielgestaltig und allgegenwärtig Sprachkontaktphänomene in nahezu allen Lebensbereichen sind. Die Brüsseler Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit an der K.U.Brüssel, die 1997 ihren zwanzigsten Geburtstag feierte, hat sich zum Ziel gesetzt, Phänomene von Sprachkontakt und Sprachkonflikt wissenschaftlich zu untersuchen und zu erforschen. Sie tut dies unter Berücksichtigung der in den verschiedensten Bereichen der Linguistik existierenden Ansätze zur Behandlung solcher Fragen und hat ein eigenes Konzept entwickelt, das Kontaktlinguistik heißt. Der in unserem Firmenschild geführte Begriff "Mehrsprachigkeit" bezieht sich keineswegs nur auf Verhältnisse zwischen Muttersprache und Fremdsprache einschließlich Spracherwerb und Interferenzproblematik, sondern auch auf Konstellationen von Standardsprache und Dialekt, Soziolekt oder Idiolekt, d.h. eine der Aufgaben der Kontaktlinguistik ist die Beschreibung und Erforschung von Sprachen und Sprachvarianten in unterschiedlichsten Situationen bzw. Regionen. Hieraus ergeben sich für die FFM zwei große Tätigkeitsbereiche: Zum einen leistet sie eigene Forschungsarbeit im Bereich der Kontaktlinguistik, und zwar mit einem besonderen Schwerpunkt auf empirischen Untersuchungen. Zum anderen versteht sie sich als internationales Kooperationszentrum, das kontaktlinguistische Projekte interdisziplinär behandelt, koordiniert und in dem Sprachkontaktforschern selbst ein Forum für Erfahrungs- und Gedankenaustausch zur Verfügung steht. Dazu gehören natürlich auch Dokumentationsaufgaben: die FFM besitzt eine Kartei mit über Anschriften von Kontaktlinguisten in aller Welt; sie unterhält eine kleine Fachbibliothek mit einigen Arbeitsplätzen, die Gastforschern und Besuchern zur Verfügung stehen.

- Arbeitsgebiete der FFM

Dass Sprachberührungen keineswegs nur harmloser Natur sind - davon weiß Brüssel, die zweisprachige Hauptstadt Belgiens und vielsprachige Hauptstadt Europas, in der die FFM einen idealen Standort gefunden hat, ein Lied zu singen. Die Sprache gilt hier als Sekundarsymbol für zugrundeliegende primäre Konflikte historischer, religiöser, ideologischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Art. Bestimmt kein singuläres Problem in einer überwiegend mehrsprachigen Welt: Überall finden sich mehr oder weniger große autochthone Sprachminderheiten, die sich in Sprache und Kultur deutlich von der Mehrheit abgrenzen, wie z.B. die Ungarn in der Slowakei, die Griechen in Italien und Albanien, die Waliser in Großbritannien, was zu Sprachkontakten und Sprachkonflikten als Folge von Mehrsprachigkeit führen kann. Am augenfälligsten tritt in Europa der Kontakt zwischen Sprachgemeinschaften zweifellos an Sprachgrenzen zutage, auf das sich daher in besonderem Masse unser Augenmerk richtet.
Neben den mehr oder weniger "organisch" gewachsenen, originären Sprachkontakten zwischen ethnischen Gruppen und der "natürlichen" Zweisprachigkeit gibt es auch eher "artifiziell" entstandene Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit, die überall dort aufkommen, wo Asylanten, Gastarbeiter, Umsiedler oder Migranten von zumeist oder zunächst anderer Nationalität als der des Aufnahmelandes eine zweite Heimat suchen. Kontakte und Konflikte beider Gruppen, der bodenständigen Minderheiten wie der aus reichen und armen Ländern stammenden Migranten, stehen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses der FFM. Hauptarbeitsgebiete der FFM liegen demnach in der Mehrsprachigkeits- und Sprachgrenzforschung und insbesondere in der Untersuchung von Sprachminderheiten. So stehen bei der Sprachgrenzforschung die Kontakte zwischen nationalen oder ethnischen Gruppen mit ihren kulturellen und sprachlichen Interferenzen im Vordergrund, während beim Thema Minderheiten untersucht wird, inwieweit sprachpolitische, sprachplanerische und sprachenrechtliche Maßnahmen (positive Diskrimination und das europäische Subsidiaritätsprinzip) die Integration und das Überleben dieser Gruppen im 21. Jahrhundert beeinflussen. Schwerpunkte der kontaktlinguistischen Untersuchung sind: - Dynamik und Vitalität - Attitüden - Feldforschung bei Sprachminderheiten - Methodologie der Kontaktlinguistik - Sprachplanung und Sprachpolitik - Curriculum der Mehrsprachigkeitsuntersuchung - Ökolinguistik - Machbarkeitsstudien und -untersuchungen von mehrsprachigen Bildungssystemen

- Aktivitäten der FFM

Da die FFM sich als internationales Kooperationszentrum für Sprachkontaktforscher versteht, liegt eine ihrer Aufgaben darin, über die Grenzen hinweg Verbindungen zwischen Kontaktlinguisten anzuregen und zu fördern. Die korrespondierende Mitgliedschaft ist das Resultat einer intensiven Zusammenarbeit der FFM auf individueller Ebene mit Kontaktlinguisten aus aller Welt. Sie gilt als Ehrung und Ansporn für besonders aktive und kooperative Sprachkontaktexperten, die auf Fachtagungen im In- und Ausland über empirische und theoretische Untersuchungen in Projektgruppen berichten und an von der FFM organisierten, wissenschaftlichen Projekten und Konferenzen teilnehmen. Weiterhin wird die FFM wird von einer Reihe von Projektmitarbeitern aus dem In- und Ausland unterstützt, die sich jeweils für die Dauer eines Projekts an der Forschungsarbeit beteiligen. Außerdem werden so oft wie möglich Linguistikstudenten aktiv bei bestimmten Forschungsprojekten mit einbezogen. Die FFM arbeitet zusammen mit u.a. folgenden kontaktlinguistischen Instituten: - Centre on Bilingual Studies, Stockholm, Schweden - Centrum voor Interdisciplinair Onderzoek naar de Brusselse Taaltoestanden (BRUT), Brüssel, Belgien - Centre International de Recherche sur l'Aménagement Linguistique (CIRAL), Québec, Canada - Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), Paris, Frankreich - Center for Research on Ethnic Minorities (CREME), Ottawa, Canada - Center for Urban Language Studies, Buffalo N.Y., U.S.A. – European Science Foundation: Network on Code-Switching and Language Contact, Basel, Schweiz - Fryske Akademy, Ljouwert, Niederlande - Institut für Deutsche Sprache (IdS), Mannheim, Deutschland - Institut de Sociolinguistica Catalana, Barcelona, Spanien - Ontario Institute for Studies in Education (O.I.S.E.), Toronto, Canada - Sociological Research Centre Wales, Bangor, Groß-Britannien - Universität von Namibia (UNAM), Windhoek, Namibia - Zentrum für Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt (ZMS), Kiel, Deutschland - Centro Internazionale sul Plurilinguismo, Udine, Italien Von zentraler Bedeutung im Forschungsprozess ist der direkte Erfahrungsaustausch der Wissenschaftler untereinander. Aus diesem Grund führt die FFM in eigener Verantwortung oder in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen regelmässig die Organisation von Tagungen und Symposien durch. Neben der Förderung (sprach-)grenzüberschreitender Kontakte hat die FFM die Aufgabe, eigene Forschungsvorhaben durchzuführen und deren Ergebnisse in die laufende Diskussion einzubringen. Vorrangige Arbeitsfelder sind die Analyse von Kontakten in multilingualen und multikulturellen Sprachgemeinschaften sowie insbesondere die Untersuchung von Sprachminderheiten (FFM-Feldforschung, Sozioprofilstudien, Stichprobenerhebungen, Machbarkeitsstudien für den mehrsprachigen Unterricht). Im Rahmen des langfristig angelegten Projekts "Minderheitssprachen in Europa" wurden und werden Untersuchungen durchgeführt in Neu- und Altbelgien (seit 1977), im Grossherzogtum Luxemburg (1979), in Südtirol (1979 und 1993), in Ostlothringen (1980), in Ungarn (1982, 1984 und 1990), im Sorbenland (1993), in Ladinien (1994), West- und Osteuropa (1995-1997). Für die nähere und fernere Zukunft hat die FFM folgende Projekte geplant: - Euromosaic: Eine im Auftrag der Europäischen Kommission (Task Force Human Resources) durchgeführte Beschreibung und Analyse von Sprachkonfliktsituationen bei Sprachminderheiten der Europäischen Union. Dieses Projekt wird verbunden mit einer kontaktlinguistischen Feldforschung bei bestimmten ethnolinguistischen Gruppen und hat als Ziel im Hinblick auf die Ausbreitung der Union sprachpolitische Empfehlungen und Strategien zu liefern. - 1996 erscheint bei de Gruyter (Berlin/New York) ein Internationales Handbuch der Kontaktlinguistik. Das Handbuch richtet sich an alle, die mit Problemen des synchronen Sprachkontakts zu tun haben, ohne dass die diachrone Relevanz von Kontaktlinguistik systematisch beiseitegeschoben wird. Der erste Halbband hat als Thema Probleme und Methoden der Kontaktlinguistik; der zweite enthält Beiträge zu den europäischen Sprachkontaktlagen am Ende des 20. Jahrhunderts und liefert eine vollständige Übersicht sämtlicher europäischen Sprachkontakte mit detailliertem Kartenmaterial. - Im Rahmen des FFM-Langzeitprojekts "Minderheitssprachen in Europa" werden Sprachkontakte in weiteren Ländern Europas kontaktlinguistisch erfasst und erforscht. - Zusammen mit der Brüsseler Katholischen Universität (K.U.B.) soll eine Untersuchung zur Spracheinstellung der "Gastarbeiter aus reichen Ländern" in Belgien durchgeführt werden. - In einem dänisch-schweizerisch-belgisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt (Leitung: Universität Bayreuth) wird die Vergleichbarkeit von Sprachkontakten bei europäischen Minderheiten untersucht. Bisherige Ergebnisse wurden auf zwei Fachtagungen diskutiert. - Das Projekt "Interkulturelle Mehrsprachigkeit" führte zu der ersten kontaktlinguistischen Untersuchung des Deutschen als Muttersprache in Ungarn. Beratend oder als Mitherausgeber wirken Mitarbeiter der FFM bei folgenden Publikationen mit: - Bausteine Europas (Dümmler, Bonn) - Germanistische Mitteilungen (Dümmler, Bonn) – Intercultural Communication Studies (San Antonio TX) - Plurilingua (Dümmler, Bonn) - La collection "Politique Linguistique" (Editions Honoré Champion, Paris) - Sociolinguistica (Niemeyer, Tübingen) - Studien zur Interkulturellen Kommunikation (Saarbrücken und Fort Lauderdale) - Multilingua (Mouton de Gruyter, Belin und New York) - Journal of Multilingual and Multicultural Development (Multilingual Matters, Clevedon)