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Universität Hohenheim

Antrittsrede des neuen Präsidenten Prof. Dr. Klaus Macharzina anlässlich der feierlichen Investitur am 30. August 1994

"Aufheben Kontinuität durch Evolution "

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen an diesem strahlenden Spätsommertag in unserem schönen Schloss Hohenheim ein herzliches "Grüß Gott" zurufen. Mein besonderer Gruß gilt Frau Haubold und unserem verehrten Herrn "Past"-Präsidenten, den ich angesichts seiner Jugendlichkeit einfach nicht als Alt-Präsidenten bezeichnen mag. Ich denke zurück, als Sie genau vor vier Jahren an dieser Stelle Ihre Antrittsrede nicht mit einer chemischen, sondern einer semantischen Analyse eingeleitet haben. Sie bemühten für die Symbolik der mir eben übergebenen Amtskette die Elemente des Dienens, der Amtsautorität, der Würde, aber auch der Anbindung. Diesen möchte ich heute noch ein weiteres hinzufügen, nämlich das der Verbindung und Kontinuität zwischen dem neu in das Amt Eintretenden und dem Ausscheidenden oder vice versa zwischen Dir und mir.

Lieber Wolfgang, von Dir ist heute offensichtlich keine Last genommen worden; es ist schön, sich am Ende einer erfüllten Amtszeit mit den Worten "es war eine intensivst gelebte, wunderbare Zeit, für die ich große Dankbarkeit empfinde" verabschieden zu können. Wir sind Dir zu großem Dank verpflichtet, denn Du hast Dich, wie der Herr Minister vorhin festgestellt hat, um die Universität Hohenheim verdient gemacht. Und Du bist von ihm und von unserem Ersten Vizepräsidenten zu Recht in so vielfältiger Weise gelobt worden, dass ich nur voll in die Hymne unserer Universität für das viele Gute, was Du ihr hast angedeihen lassen. Trotz alledem wirst Du als Jubiläumspräsident in die Geschichte Hohenheims eingehen, aber das hast Du ja auch so gewollt. Du hast ein Superjubiläum hingelegt, das viel von Deiner Amts"zeit" aufgezehrt, aber unserer Universität nach innen wie auch nach außen sehr genützt hat. Du hattest eine glückliche Amtszeit, denn in sie fiel die Fertigstellung sichtbarer Belege, nämlich wichtiger Bauten wie das Verfügungsgebäude oder unser Euro-Forum, die bereits unter der verdienstvollen Präsidentschaft von Herrn Kollegen Reisch eingeleitet worden waren. Daneben hast Du, um nur wenige weitere Beispiele zu nennen, die Flächenplanung vorangetrieben, in der Einrichtung des Stellenpools die Voraussetzung zur Nutzung der baden-württembergischen Hochschulförderungsinitiative, dem sog. Monrepos-Programm geschaffen. Schließlich hast Du Dich für die Errichtung des Osteuropa-Zentrums und des Deutschen Landwirtschaftsmuseums sowie die Aufhebung des "Baustopps am Ökologie-Komplex eingesetzt und unsere Versuchsstationen verteidigt Projekte, die Du neben den vorhin von Dir notierten Hausaufgaben an mich weitervererbt hast. Du hast schwierige Personalprobleme im Bereich aller unserer Mitgliedergruppen zu lösen gehabt, und Du hast wichtige interne Struktuveränderungen auf den Weg gebracht. Wir Vizepräsidenten und der wackere cancellarius durften Dir dabei unter die Arme greifen; daher möchte ich meinen seinerzeitigen Nachfolger im Amt des Ersten Vizepräsidenten, Herrn Kollegen Jacob, und dessen Nachfolger im Amt des Zweiten Vizepräsidenten, Herrn Kollegen Hanf, sowie last but not least Herrn Kanzler Stahlecker in meinen Dank einbeziehen.

Lieber Wolfgang wir beide haben das Handwerk zur Führung dieses Amts bei unserem Alt-Präsidenten, Herrn Reisch, gelernt. Ich hatte darüber hinaus den Vorzug, das Handwerkszeug unter Deiner Präsidentschaft verfeinern zu können.

Ich habe viel, auch von Dir gelernt: Deine Langmut, Deine Feinsinnigkeit, Deine Neigung in allem nur das Gute zu entdecken, haben einiges von der eher forschen Gangart abgeschliffen, die Deinen Vize kennzeichnete. Deswegen wäre ich auch dankbar, wenn Du uns nicht ganz in die Chemie entfliehen würdest und wir Dich noch in Rat und mancher Tat auf universitärer Ebene einbinden dürften; dabei denke ich weniger an die Pflege "Deines" Irrgartens, Kosuths Schiller-Labyrinth, sondern an wichtige Aufgaben wie das Osteuropa-Zentrum oder das Deutsche Landwirtschaftsmuseum. Daher mag es, soll es aber nicht wie Bestechung aussehen, wenn ich nun den Hobby-Künstler, der sich am Hohenheimer Schloss schon einige Male gewissermaßen aus der Froschperspektive versucht hat in den Stand der Vogelperspektive versetze. Namens der Kollegen von der Leitung der Universität, aber auch stellvertretend für alle ihre Mitglieder, darf ich Dir daher diese Lithographie aus dem ausgehenden vorigen Jahrhundert überreichen. Wird sie wohl angenommen? Deine nämliche vorhin gestellte Frage darf ich dahingehend beantworten, dass die Universität Dein schönes Abschiedsgeschenk gern und mit herzlichem Dank annimmt. Wir werden es an passender Stelle anbringen und uns daran freuen. Wir hoffen umgekehrt, dass der Blick über Hohenheim Dir zur stets angenehmen Erinnerung an Deine Amtszeit gereichen wird. Ob dieses für Deine Frau Gemahlin gleichermaßen gilt, vermag ich nicht zu beurteilen. Eines ist sicher: liebe Renate, Du hast ihn wieder aber nicht ganz. Darum darf ich Dir als winziges Zeichen des Dankes für die Entbehrungen der vergangenen vier bis acht Jahre und als kleinen Trost für die Zukunft diesen farbenfrohen Herbstblumenstrauß überreichen. In diesem Sinne wende ich mich abschließend auch Frau Jacob zu, der wir in gleicher Weise Dank sagen. Was wären und wo stünden wir alle, ohne die Frauen an unserer Seite!

Hannes Bürckmann, Sprecher der Studierenden bei der jüngst erfolgten Einweihung unseres Euro-Forums, hat durch seine Bezugnahme auf Wilhelm von Humboldt die verstärkten Bedürfnisse der Studierenden nach Ausbildung, die auf wissenschaftlicher Grundlage zum Beruf befähigt, zum Ausdruck gebracht: "Ziel des Studiums sollte die Ausbildung von Menschen sein, die vernetzt und ganzheitlich denken und bestehende Probleme im Gesamtzusammenhang erkennen".

Diese alte Forderung ist plötzlich durch neuere Entwicklungen in der realen Welt wieder ganz aktuell geworden und spiegelt sich umgekehrt in der Akzentsetzung der Forschungsbemühungen verschiedener Wissenschaftsrichtungen wider; Holistik und Vernetzung sind die Stichwörter der Stunde. Die Vorstellungen der Praxis über die universitäre Ausbildung dehnen das Aufgabenspektrum noch weiter aus. Sie wünscht sich Querdenker, Schönredner, mal Spezialisten, heute eher Generalisten, Teamarbeiter, entscheidungsfreudige Kommunikatoren und den praktischen Wissenstransfer schon während der Ausbildung. Andererseits schweben ihr Qualifikationsprofile nach der Strickart vor: Ausbildung in Regelstudienzeit mit Zweitstudium kombiniert, mindestens drei Fremdsprachen, dazu fünf Jahre Berufserfahrung, promoviert und nicht älter als 29 Jahre. Keine Frage, die universitären Ausbildungsanforderungen sind komplexer geworden.

Dieses gilt auch für die wissenschaftlichen Fragestellungen. Gefordert ist die Durchdringung systemischer Zusammenhänge und damit einhergehend der Transfer von Systemlösungen, die wegen der zunehmenden Verdichtung gegenseitiger Wirkungszusammenhänge großenteils nur noch interdisziplinär zu bearbeiten sind. Ferner erfahren die Universitäten eine Neudefinition ihrer Rolle durch erhöhten wissenschaftlichen Untersuchungs- und Beratungsbedarf vieler gesellschaftlicher Bereiche. Dieser wird artikuliert durch den Ruf nach praxisnaher, umsetzungsorientierter Forschung, die schnell verwertbares Wissen bereitstellen soll. Angesichts der sich extrem verkürzenden Halbwertszeiten des Wissens erfährt das lebenslange Lernen eine größere Bedeutung. Dieses ist neben der fachbezogenen Wissensvermittlung zur wichtigsten Aufgabe geworden. Wir sind gehalten, den Studierenden zu vermitteln, wie man lebenslang fachspezifisch und selbständig weiterlernen kann. Umgekehrt müssen die Studierenden bereit sein, lernen können zu wollen, denn das ist die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen.

Schließlich sind wir mit veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Der Anteil der Hochschulabsolventen ist drastisch gestiegen; die Rate liegt bei 70 % über die letzten 10 Jahre und steigt voraussichtlich weiter. Daneben drängt die Fachhochschulkonkurrenz auf die herkömmlich von Universitätsabsolventen nachgefragten Arbeitsmarktsegmente.

Diesem allem steht ein zunehmendes Desinteresse von Öffentlichkeit und Politik am Wissenschafts- und Hochschulsystem gegenüber. Probleme der Bildungspolitik werden derzeit nicht als zentral begriffen. Der für 1993 angesetzte "Bildungsgipfel" hat kein greifbares Ergebnis gebracht. Vor diesem Hintergrund ist ganz und gar nicht hilfreich, sondern entschieden kontraproduktiv, wenn in etablierten Magazinen wie jüngst geschehen das Sommerloch zur Universitäts- und Professorenschelte missbraucht und eine tragende Gruppe unserer Gesellschaft an den Pranger gestellt und zu den neuen Watschenmännern und -frauen der Nation zu stempeln versucht wird. Kein Zweifel, das Klima ist rauer geworden. Die Heraus- und Anforderungen an die Universitäten haben sich in manchen Dimensionen so verzerrt, dass die Antwortstrategielauten muss: heraus aus der Verteidigerposition und Übergang zu proaktivem Handeln unter dem Leitspruch: scientia militans.

Die Politik hat die Lehre wiederentdeckt. Die universitäre Forschung läuft Gefahr, zugunsten der Lehre ins Hintertreffen zu geraten. Ich warne davor, diesem Trend nachzugeben. Das können wir uns als ressourcenarmes Land im immer schärfer werdenden internationalen Wettbewerb nicht leisten. Da sind die 3 %, welche in der BRD für Forschung ausgegeben werden, ein gefährlich geringer Anteil am Gesamtvolumen, und der Faktor 1 für die Grundlagenforschung im Vergleich zu den Faktoren 10 für die Anwendungsforschung bzw. 100 für die Entwicklung mit Blick auf eine Erhöhung überdenkenswert. Natürlich brauchen wir auf der anderen Seite eine gute, eine bessere Lehre; darauf haben die Studierenden ein konstitutives Anrecht und danach haben die Lehrenden ein organisches Bedürfnis, denn nur gute Lehre macht auch den Lehrenden Spaß. Über ein strukturelles Problem können wir dabei allerdings nicht hinwegsehen: 30 % eines Altersjahrgangs können bei nahezu gleich gebliebenen Bedingungen einfach nicht so ausgebildet werden wie die I6 % in 1977, dem Jahr des Öffnungsbeschlusses.

Die Betreuungsrelation ist heute allgemein um 100 % schlechter als vor 20 Jahren und in manchen Bereichen, wie der total überlasteten Betriebswirtschaftslehre so hoffnungslos schlecht, dass man sicherlich nicht aus eigener Kraft und ohne Hilfe von außen den Anstieg der Zahlen für Studienanfänger um 264 % und der Diplomprüfungen um 160 % im Vergleich zu der Zeit, als ich an diese Universität berufen wurde, bewältigen kann. Angesichts dieser Überlastprobleme muss erst das Quantitätsproblem gelöst werden, um das Qualitätsproblem angehen zu können. Hierzu ist eine Studienstrukturreform notwendig, die für geeignete Rahmenbedingungen sorgt, und nicht bloß die uns abverlangte Studienreform. Der Leitsatz einer solchen Strukturreform muss lauten: Eine Verbesserung der Lehre sollte immer auch der Stärkung der Forschung dienen, da diese wiederum den Nährboden für Spitzenleistungen der Wissenschaft bildet. In der mir besonders nahestehendenschönen Kunst der Musik mag die Analogie diese Überlegung stützen, dass wir zwar Spitzenleute haben, die Mozart und Beethoven perfekt wiedergeben können; es mangelt uns aber an Mozarts und Beethovens.

Diejenigen, welche innere Widerstände gegen den Ruf nach einer Strukturreform verspüren, möchte ich an Heraklit erinnern, der uns gelehrt hat, dass alles in Bewegung ist und nichts stehen bleibt. Daraus können wir die Erkenntnis ziehen, dass nichts beständiger ist als der Wandel, und dass auch und gerade das Bewahrenswerte nur durch Reformen gesichert werden kann. Daher möchte ich meine programmatischen Überlegungen auch unter das Thema "Aufheben Kontinuität durch Evolution" stellen. Dabei verstehe ich "Aufheben" im dreifachen Sinne Hegels, nämlich im Sinne von Bewahren, von Beseitigen Neugestalten und von Höherbringen Vervollkommnen Veredeln.

Die in jüngster Zeit so hitzig geführte und geschürte Debatte um den Standort Deutschland hat gezeigt, dass offenbar Kohle und Köpfe die einzigen Ressourcen unseres Landes sind. Wie unterschiedlich diese behandelt werden, verdeutlichen zwei Zahlen, welche die jährlichen Investitionen bzw. Subventionen pro Platz betreffen: für den Arbeitsplatz Kohle DM 100.000.-; für den Studienplatz Universität DM 17.400.-. Ganz sicher benötigen wir mehr Köpfe, um die Qualität in der Lehre sicherzustellen. Ich betone noch einmal und bleibe dabei: es ist vorrangig ein Mengenproblem. Das verlangt nach finanziellen Ressourcen, entweder von außen oder durch maßvolle interne Umschichtung. Und wenn beides nicht möglich oder vernünftig leistbar ist, müssen wir neue Wege gehen. Ein Weg könnte über Patenschaftsdozenturen finanziert durch die Wirtschaft führen, um uns die fehlenden Tutoren- und Mentorenstellen zu ersetzen. Zu denken wäre dabei an 2 Semesterwochenstunden mit Nennung des Stifters zum Differenzbetrag der Pensionsbezüge, wenn diese durch Emeriti oder Frühpensionäre übernommen würden. In Frage kämen aber auch Teilzeitbeschäftigte aus dem außeruniversitären Bereich oder Absolventen, die arbeitsmarktbedingt noch nicht im Beruf stehen oder sich wissenschaftlich im Rahmen eines Promotionsvorhabens weiterqualifizieren. Als ein zweiter Weg käme eine Flexibilisierung der Altersgrenze für Hochschullehrer nach oben in Betracht, die freiwillig mit reduziertem Deputat von bspw. 2 Semesterwochenstunden bis zum 70. Lebensjahr nur zu Zwecken der Lehre eingesetzt würden.

In der Novelle zur Änderung des Universitätsgesetzes Baden-Württemberg sind begrüßenswerte Ansätze enthalten, die eine Verbesserung der Lehr- und Studienorganisation ermöglichen. Dieses sind zunächst die Studienkommissionen mit vernünftiger Repräsentation der Studierenden. Auch die Lehrpreise erscheinen mir als sinnvoller Anreiz. Dann ist da die Kopie des Studiendekans nach amerikanischem Vorbild. Gestatten Sie mir, Zweifel anzumelden, ob dieser der Stein der Weisen ist; n. m. D. läuft er Gefahr, als Implantat in das anders geartete deutsche Studiensystem nicht die erhoffte Wirkung zu entfalten. Notwendiger schiene mir hingegen eine bessere personelle Ausstattung der für die Organisation der Lehre verantwortlichen Dekanate mit für die Koordination der Lehre und Prüfungen dauerhaft Verantwortlichen. Ebenso halte ich fakultätsübergreifende Organisationsformen der Lehre und Forschung mit Personal- und Sachmittelausstattung für sinnvoll, um die interdisziplinäre Bearbeitung neuer Forschungsfelder projektbezogen und eine Profilbildung der Institution schwerpunktbezogen zu unterstützen. Insgesamt plädiere ich für institutionelle Vorkehrungen, welche die Entwicklung einer leistungsfähigen und wettbewerbsorientierten Universitätskultur ermöglichen. Diese können in der dezentralen Mittelverwaltung nach zentralen Vorgabekriterien, aber auch in regelmäßigen Lehr-, Prüfungs- und Forschungsberichten als Grundlage für Planungs- und Leitungsentscheidungen zur Lern- und Bildungsorganisation bestehen. In diesem Zusammenhang empfehle ich allerdings dringend, auf das Subsidiaritätsprinzip zu achten und das Datenmaterial nur auf der Ebene des unmittelbaren Autonomie- und Verantwortungsbereichs zu halten und zu nutzen.

Nämliches gilt für die Evaluation der Lehre; diese sollte nur professionell, methodisch einwandfrei, vertraulich und zentral, bspw. über das Rechenzentrum, erfolgen und auf keinen Fall über irgendwelche Rankings entanonymisiert werden. Zielperson der Bewertung darf einzig und allein der individuelle Hochschullehrer sein, welcher über Rückkopplung direkte Informationen zur Verbesserung seiner Lehrleistung erhalten kann. Eine Veröffentlichung dieser Informationen oder die Suche um Beratung zur Beseitigung von Mängeln, bspw. in einem hochschuldidaktischen Zentrum, welches ich zentral landesweit zur Einrichtung empfehle, ist allein seine Angelegenheit. Die typisch deutsche Tendenz zur diskriminatorischen Übernutzung solcher Daten in völlig nutzlosen und zweckentfremdeten, gar bundesweiten Rankings wäre im amerikanischen Herkunftsland dieses Instruments völlig ausgeschlossen, weil verfassungswidrig. Für den Wettbewerb zwischen den Hochschulen oder besser Fakultäten erscheinen mir andere Ansätze, bspw. diejenigen zur Messung von Forschungsleistungen, die sich auf verdichtete und anonymisierte Daten stützen, zielführender.

Zweifelsfrei muss unser aller Bemühen um eine Verkürzung der insbesondere im internationalen Vergleich zu langen Studienzeiten oberste Priorität besitzen. Ganz entschieden spreche ich mich aber gegen den Haarschneideautomaten der undifferenzierten Studienzeitverkürzung aus. Universitätsausbildung braucht nach wie vor Niveau und nicht Nivellierung, in deren Nähe manche Studiengänge geraten würden, die einfach mehr Zeit benötigen. Auch plädiere ich für den Erhalt der inhaltlichen Differenzierung bei Cluster- und Schwerpunktbildung in den Studiengängen, die Flexibilitäten sowohl für die Lehrenden wie die Studierenden eröffnet. Auf der Grundlage eines solchen Verständnisses von "Entschlackung" müssen wir die Mindestinhalte feststellen, die für den berufsqualifizierenden Abschluss an Faktenwissen und Schlüsselqualifikationen notwendig

sind. Diese 1. Stufe dient der Vermittlung des nicht rostenden Grundwissens. Die vertiefenden, theoretisch zu reflektierenden Wissensinhalte sollten Bestandteile eines wissenschaftlichen Studiums mit dem Ziel der Promotion als 2. Stufe werden. Das sich schnell verändernde Verfügungswissen sollte schließlich a1s Inhalt von Weiterbildungsangeboten die 3. Stufe bilden. Gebühren, die kostendeckend sind, könnte ich mir für die 2. Stufe und solche, die Erträge erwirtschaften, für die 3. Stufe vorstellen.

Statt Studiengebühren in der 1. Stufe befürworte ich Freiversuchsregelungen und, wenn Studierbarkeit gemessen an der Regelnorm gegeben ist, dann auch fächerspezifische Zeitgrenzen, bspw. bei 144 Semesterwochenstunden das Ende des 12. Semesters als Zeitpunkt für den Verlust des ersten Prüfungsanspruches im Diplom. Wenn die Regelstudienzeit eingehalten ist, dann könnten als Belohnung Darlehenserlasse beim BAföG angestrebt werden. Als Ökonom glaube ich an Anreize und nicht an Sanktionen, die zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten führen. Das Einfrieren von BAföG ist ein Schlag gegen all jene, die sich um Studienzeitverkürzung ernsthaft bemühen. Wie empirisch von einem Kollegen unserer Universität nachgewiesen werden konnte, studieren BAföG-Empfänger schneller. Schließlich müssen wir in einer Zeit, da Studium zur Lebensform geworden ist, die Vorschläge zur Einrichtung des Teilzeitstudiums weiterverfolgen.

Neben diesen allgemeinen Reformüberlegungen sind es ganz spezifische, welche ich als Ansätze zur Veränderung unserer Universität, also zum "Aufheben im Sinne von Beseitigen Neugestalten" umgesetzt sehen möchte. Diese möchte ich zunächst mit dem Ziel der inneren Integration angehen:

1.Die stärkere Verzahnung zwischen den Kernbereichen der Agrarwissenschaften, der angewandten Naturwissenschaften und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bei Erhaltung ihrer Autonomie hat für mich Priorität. Zu diesem Zweck würde ich gern die Fakultäten I bis V mit dem grünen Band des Umweltschutzes verknüpfen. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Strategie der inneren Stärkung unserer Institution oder des Aufbaus von Differenzierungsvorteilen im Wettbewerb zwischen den Hochschulen, sondern um eine von den umweltrelevanten Problemfeldern her notwendige und von den Kernkompetenzen Hohenheims sich anempfehlende interdisziplinäre Zusammenarbeit. Im Bereich der Umweltwirtschaft ist hierzu die Einrichtung eines neuen Lehrstuhls zum Fachgebiet Umweltmanagement und Umweltökonomie erforderlich. Dieser könnte sämtliche umweltspezifischen Aktivitäten an unserer Universität bündeln und Koordinationsfunktion übernehmen.
2.Auf der Basis einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten sollte auch das Bemühen um die Neustrukturierung der Forschungs- und Lehrlandkarte Hohenheims ausgerichtet werden, die bedingt durch das Auslaufen zweier erfolgreicher Sonderforschungsbereiche die Einrichtung neuer Schwerpunkte und eines Graduiertenkollegs notwendig werden lässt. In Diskussion befindliche Themen wie Neuartige Ernährung, Klimarelevante Gase, Mykotoxime, Multimedia, Innovationen im Internationalen Management und Europaforschung mit derzeitiger Betonung noch auf Osteuropa verdeutlichen, dass diesbezügliche Initiativen auch aus den Natur- und Wirtschaftswissenschaften zu erhoffen sind. Um die hierzu notwendigen Kapazitäten zur Vorbereitung zu schaffen, muss besonders stark in der Lehre belasteten Fach gebieten in ihrer schwierigen Ressourcensituation geholfen werden.
3.Die Studierenden dürfen erwarten, dass in dem Bemühen um beständige Qualitätsverbesserung in der Lehre mit dem Ziel "mehr Durchblick mehr Leistung mehr Spaß" die Lehrenden an dieser Hochschule bereit sind, durch intensive Diskussion mit den Studierenden in sinnvollen Zeitabständen die Lehrinhalte zu überprüfen, neu zu bestimmen und Überholtes auszusondern. Eine gleichermaßen qualitätsorientierte Einstellung der Verwaltung als dienstleistende Einheit dürfen in entsprechender Weise die Abnehmer in Wissenschaft und Studium erwarten. Diesbezüglich hilfreich wird in beiden Bereichen, aber auch in den zentralen Einrichtungen die noch bessere Nutzung der Informatisierung sein, die bspw. die kaum noch tragbaren Kostenbelastungen des Bibliotheksbetriebes durch Nutzung internationaler Datenverbundnetze ein wenig kompensieren helfen kann. Auch bei zunehmender Informatisierung des Bibliothekswesens wird eine wissenschaftliche Hochschule aber kaum ohne dessen baulicher Repräsentation in Form einer Zentralbibliothek auskommen, welche gewissermaßen das Herz einer Universität ausmacht. Ich bedaure anmahnen zu müssen, dass Hohenheim in dieser Hinsicht immer noch recht "herzlos" und dass es längst überfällig ist, diese Hochschule durch den Bau einer den Standards und modernen Funktionsprinzipien entsprechenden Zentralbibliothek universitär zum Leben zu erwecken.
4.Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Stärkung des Mittelbaus auch und in Sonderheit der Wissenschaftlerinnen ist mir ein persönliches Anliegen, nicht nur weil diese Gruppe unser wichtigstes Potential - die Wissenschaft von morgen - darstellt, sondern weil ich während meiner Vorbereitungen zur Bewerbung um dieses Amt z. T. erhebliche Motivationsdefizite und –verluste signalisiert bekam. Dieses bedrückt mich und erfüllt mich mit Sorge, da die mangelnde Identifikation mit unserer Universität eine zwangsläufige Folge dieses Missstands sein muss. Ich möchte die Verursachungsfaktoren dieses Problems nicht von Hohenheim ablenken, indem ich auf jüngste empirische Befunde in anderen Ländern Europas verweise, nach denen der Wertewandel der jungen Generation den Verlust des Glaubens an die Institutionen und damit natürlich auch die Institution Universität mit sich gebracht hat. Wir scheinen über dem ungeheuerlichen Problemdruck der Verwaltung der Überlast in den Instrumenten und bürokratischen Strukturen erschlafft zu sein und darüber die Menschen vergessen zu haben. Wir müssen den Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken. Hierin sehe ich einen Schlüsselfaktor des Erfolges für das strategische Management von Universitäten. Darum bekenne ich mich zu einer partnerschaftlichen Form der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Studierenden und der Verwaltung und ich lade die Mitglieder dieser Universität ein, in dieses Bekenntnis mit ein zu stimmen. Sie werden mich kennen lernen nicht als Freund eines "Top down"-, sondern eines "Middle up"-Führungsstils, der es uns ermöglicht viele Wissens- und Kreativitätspotentiale und Ideen, die auf irgendwelchen Stufen und Ebenen schlummern, freizusetzen und für diese Institution nutz bar zu machen. Für gute Vorschläge und Initiativen, egal aus welcher Ecke sie kommen, ist mein Briefkasten stets offen. Was den wissenschaftlichen Nachwuchs angeht, werde ich mich für die Einrichtung eines überregionalen Kompetenzzentrums "Junge Wissenschaft" einsetzen, das der interdisziplinären Kommunikation in Form eines studium integrale zwischen jungen WissenschaftlerInnen aus unserer, aber auch an deren Einrichtungen in Deutschland und jenseits unserer Landesgrenzen dienen soll:
Vortragsveranstaltungen, Workshops, Tagungsreisen, Kooperationsprojektanbahnung und spezielle Ringvorlesungen wie "Frauen in der Wissenschaft" könnten Bausteine dieses Vorhabens sein, das ich unter Patenschaft eines Hochschullehrers verantwortlich in die Hände des Mittelbaus legen möchte. Soweit ich das beurteilen kann, hätte Hohenheim mit einer solchen Einrichtung Modellversuchscharakter. Daher hoffe ich auch auf die notwendige Unterstützung für dieses Projekt.
5.M. D. u. H.: In einer schwierigen Zeit extrem knapper Ressourcen ist nicht passives Klagen, sondern innovatives Handeln gefordert. Wir müssen ausgetretene Pfade verlassen und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Als einen dieser Wege sehe ich die Ausdehnung der vorhin erwähnten Partnerschaftsidee in Form einer neuen Arbeitsteilung zwischen den Universitäten, aber auch mit Unternehmen. Diese Partnerschaften könnte ich mir als strategische Allianzen vorstellen, wo wir Stärken als Schwerpunkt vereinen oder uns unter Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnik mit Partneruniversitäten oder -unternehmen in der Region, aber auch ganz Europas zum Zweck der Ergänzung in Schwächefeldern verbünden.
6.Internationalisierung: Wir wachsen in einen Europäischen Forschungs- und Bildungsmarkt mit 3 500 Hochschulen und 6,75 Mio. Studierenden, aber auch in einen Europäischen Arbeitsmarkt, in den wir unsere Absolventen entlassen. Dieser ist behaftet mit dem Manko der höchsten, z. T. strukturellen Arbeitslosigkeit seit den 30er Jahren. Wachstumschancen bieten sich auf absehbare Zeit nur in Südostasien. Für Hohenheim bedeutet dies, dass wir neben der Orientierung auf Europa und die Tropen unsere frühen Aktivitäten in China neu positionieren und auf ganz Südostasien ausdehnen müssen, um unsere Absolventen fit zu machen für diese Wachstumsregion.
7.Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene werden wir uns schließlich als Institution darauf einstellen müssen, an der Aufgabe des "Aufhebens im Sinne von Höherbringen" mitzuwirken, nämlich die geistige Wende anzustoßen die erforderlich ist, um aus der Gegenwartskrise herauszukommen; denn die se Aufgabe zu lösen, schafft die Politik nicht und die Wirtschaft wohl kaum noch, da beide mit ihren eigenen Erneuerungsbemühungen erst selbst Reformfähigkeit beweisen müssen.

In der Zeit der Gründung dieser Institution lebten 80 90 % der Bevölkerung auf dem Lande und ernährten sich und den Rest der Menschen; heute schaffen dieses 5 %. Die Universität Hohenheim befindet sich in einer Situation des Umbruchs, bedingt durch den äußeren Strukturwandel im Agrarbereich und die innere Konsolidierung auf hohem Niveau in den Wirtschaftswissenschaften bei Entwicklung neuer Potentiale für die angewandten Naturwissenschaften, insbesondere die Life Sciences, und die biologische Grundlagenforschung, und dort speziell die Gentechnik. Begleitet wird diese Situation durch Armut der öffentlichen und Knappheit der privatwirtschaftlichen Finanzen.

Der schöne Sommer des Innehaltens und der Ernte des 175 jährigen Jubiläums-Ackers ist vorüber. Wir befinden uns im Herbst, der kaum ein goldener sein wird. Dennoch bin ich optimistisch und verwende erneut die bereits bei meiner Kandidatur genutzte Metapher. Der Acker muss neu gepflügt werden, aber nicht mit einer Pflugschar, die zu tiefe Furchen hinterlässt. Wie der Boden zur Aussaat aufbereitet werden könnte, habe ich Ihnen aufzuzeigen versucht: Der Große Senat unserer Universität hat am 9. Mai dieses Jahres meine Bereitschaft angenommen, mich für diese Aufgabe zur Verfügung zu stellen. Ab heute stehe ich hinter dem Pflug, um mit Ihnen zusammen das Hohenheimer Feld neu zu bestellen, als Moderator, als Anstoßer für neue Wege und Entwicklungen und als Kämpfer für die Sache unserer Universität. Ich bin dabei auf Ihrer aller Unterstützung angewiesen, und hoffe, dass Sie mir diese nicht versagen werden.

Hohenheim bietet gute Voraussetzungen, die Aufgabe zu meistern. Wir verfügen über ein scharfes Profil durch gut wahrnehmbare und sich in unserem Drei-Säulen-Konzept gut ergänzende Kernkompetenzen; und im Rahmen der Kernbereiche über ein breites Ausbildungsangebot bei guter Qualität; eine Vielfalt der Arbeitsfelder und Orientierungen in der Forschung; eine sehr gute Aufnahme unserer Absolventlnnen im Berufsfeld; die internationale Ausrichtung und hervorragende Verbindungen und Netzwerke mit z. T. Spitzenuniversitäten weltweit; schlanke Strukturen und eine flache Organisation sowie hervorragende Studienbedingungen im "Hohenheimer Ambiente".

Diese Stärken sollten wir pflegen und ausbauen, also "aufheben im Sinne von Bewahren".

Einen wichtigen strategischen Vorteil bildet dabei die Größe unserer Universität. Nach der neueren evolutiorischen Theorie der Märkte und Unternehmen, wie sie im Gesetz der zunehmenden Distanzkostendegression und im Gesetz der zunehmenden Leistungsdifferenzierung formuliert ist, sind es die Kleinen, welche die Evolution treiben.

Bemühen wir die Welt der Dinosaurier, so sind es diejenigen, welchen die Anpassung nicht oder zu spät gelang. Zeit und Beweglichkeit, nicht Größe entscheiden somit zunehmend den Wettbewerb und ich meine auch unter den Universitäten, was zumindest der Theorie nach Hohenheim nicht ungünstig positionieren würde. Diesen Vorteil auch realiter nutzen zu können, wird nicht unbeträchtlich davon abhängen, ob wir uns universitätsweit zusammenraufen und uns einigen können auf ein identitätsstiftendes Leitbild, verbunden mit dem dezidierten Willen zu dessen beständiger Umsetzung in der Erfüllung unserer Aufgaben gemäß der Vision der Universität Hohenheim als innovationsorientiertem "Player" im regionalen und europäischen Bildungs- und Wissenschaftswettbewerb, gekennzeichnet durch die Bereitschaft, sich als lernende und kreative Organisation zu begreifen, und getragen von dem Selbstverständnis ihrer Mitglieder als Angehörige einer universitas vere humana et hominibus nata.

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