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Sprach-los?

Zur Situation des studienbegleitenden Fremdsprachenunterrichts und seiner Didaktik an Schweizer Hochschulen

Anton Lachner





Gliederung

1. Ausgangslage
2. Sprachenpolitische Massnahmen
2.1 Exkurs
2.2 Fremdsprachenunterricht als hochschulspezifische Domäne
3. Studienbegleitender Fremdsprachenunterricht und seine Didaktik an Schweizer Hochschulen
3.1 Charakteristika der hochschulspezifischen Fremdsprachenausbildung
3.2 Das Sprachenzentrum der Universität Lausanne
3.3 Das Institut für Deutsche Sprache der Universität Freiburg
3.4 Die Abteilung für angewandte Linguistik der Universität Bern
3.5 Das Fremdsprachenangebot der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen
3.6 Perspektiven
4. Das ideale universitäre Sprachenzentrum
4.1 Grundsätzliche Überlegungen
4.2 Minima für universitäre Sprachenzentren
· Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Sprachen (Muttersprachen und Fremdsprachen) sind im aktuellen Informations- und Kommunikationszeitalter die Schlüsseltechnologie schlechthin, die ein Land wie die Schweiz, das kaum über Rohstoffe verfügt, besitzen und fördern muss. Englisch ist zwar die internationale Sprache zumindest der Wissenschaft, aber keineswegs eine lingua franca, die die Sprachenvielfalt unseres Planeten langfristig ersetzen könnte oder sollte. Die Situation stellt sich für die Schweiz mit ihren vier Landessprachen komplizierter dar als in Ländern mit nur einer Landessprache; dennoch ist die Situation nicht so babylonisch wie im zusammenwachsenden Europa. In der voruniversitären Ausbildung kann nur eine Grundlage in wenigen Fremdsprachen gelegt werden; darüber hinaus haben aussereuropäische Fremdsprachen dort kaum Platz. Daher muss der fachspezifischen und fächerübergreifenden Fremdsprachenausbildung im tertiären Bereich grösste Beachtung geschenkt werden.
Vor diesem Hintergrund wird anhand einiger Beispiele überprüft, wie die Schweizer Hochschulen der Notwendigkeit der Ausbildung zur Mehrsprachigkeit begegnen. Es zeigt sich, dass die Hochschulen ihren Studierenden und ihrem Lehrkörper jeweils sehr unterschiedliche Möglichkeiten bieten, sich Fremdsprachen anzueignen, und sich auf ebenso unterschiedliche Weise mit Aspekten der Sprachlehr- und -lernforschung beschäftigen.
Der Trend zum Sparen ist - bei wenigen Ausnahmen - unverkennbar. An Universitäten, an denen seit Jahrzehnten erfolgreich Sprachkurse abgehalten werden, sind diese von Einsparungen bedroht. Inhaltliche Begründungen für diese gravierende Strukturveränderung finden sich nicht. Es ist vielmehr so, dass diese nicht durch Ordinariate vertretenen Einrichtungen am einfachsten weggespart werden können. Hauptziel ist das "Outsourcing" von Veranstaltungen, die im Professorenkollegium keine Lobby haben.
Dabei sind diese Sprachenzentren (oder wie immer solche Einrichtungen heissen) auch methodisch auf der Höhe der Zeit. Die derzeit für alle Fächer aktuellen Forderungen nach didaktisch ansprechender Lehre, nach Interdisziplinarität und dem Hinführen der Studierenden zu selbstverantwortetem Lernen haben diese Einrichtungen seit jeher erfüllt, ja diese Inhalte sind dort geradezu Programm.
Der Text schliesst mit der Forderung nach einer Stärkung der Position der Sprachenzentren und bringt Vorschläge zum anzubietenden Sprachenangebot und dazu, wie im Rahmen von bestehenden (und neu zu knüpfenden) universitären Partnerschaften die knappen Ressourcen mit Blick auf eine intensivierte Forschung und Lehre gebündelt werden können.

1. Ausgangslage

Sprachen (Muttersprachen und Fremdsprachen) sind das Medium schlechthin, mit dem Menschen und Kulturen untereinander in Kontakt treten. Sprachenkenntnisse sind also die wichtigste Schlüsseltechnologie, über die Menschen verfügen müssen, die den Anforderungen des angebrochenen Informations- und Kommunikationszeitalters genügen wollen. Wer über keine oder keine ausreichenden Fremdsprachenkenntnisse verfügt, dem bleiben Informationen über fremdsprachige Kulturen aus erster Hand unzugänglich und der muss sich mit den in die eigene Muttersprache gefilterten Texten von Agenturen, Übersetzungsbüros und Verlagen etc. abfinden. Mit dieser einseitigen Weltsicht konnte man sich als Durchschnittsmensch bis in unsere Tage mühelos zufrieden geben; man spürte sie ja nicht einmal als solche. Denn fremdsprachige Druckerzeugnisse traten im Alltag kaum in Erscheinung, wenn man sie nicht gezielt suchte; auf jeden Fall konnte man ihnen bequem ausweichen. Selbst in der mehrsprachigen Schweiz findet man in den fremdsprachigen Landesteilen i.d.R. ausreichend Materialien und Hinweise in der Muttersprache - seien es Presseerzeugnisse, Verpackungsaufschriften oder Hinweisschilder -, die einem glauben machen können, Fremdsprachenkenntnisse seien überflüssig, wenn man nicht gerade auf den direkten mündlichen Kontakt mit Dritten angewiesen ist.
Durch die Verbreitung des Internet, dessen Gebrauch sich nach der zu erwartenden Überwindung der technischen Übergangsprobleme (Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Installationskomplikationen) in wenigen Jahren als ebenso selbstverständlich darstellen wird wie die Nutzung von Telefon und Fernsehapparat - vermutlich in einem Gerät -, sind Kontakte zwischen Angehörigen unterschiedlicher Sprachgemeinschaften ebenso leicht knüpfbar wie zwischen gleichsprachigen Nachbarn von Tür zu Tür. Bereits jetzt gibt es in diesem Medium ein sprichwörtlich babylonisches Nebeneinander der unterschiedlichsten Sprachen, wenn man Material zu einem bestimmten Thema sucht. Da man in diesem Medium theoretisch mit der ganzen Welt und Angehörigen aller möglichen Sprachen in Verbindung steht, ist die Wahrscheinlichkeit, einen fremdsprachigen Text anzutreffen grösser als einen muttersprachlichen.
Nicht nur im Internet sind die meisten Dokumente, die der Selbstdarstellung, insbesondere der Selbstdarstellung im internationalen Kontext dienen, zwar vornehmlich in Englisch geschrieben, doch Primärtexte, die sich an die eigenen Landsleute richten, erscheinen in der jeweiligen Landessprache. Auf solche Primärtexte in den unterschiedlichsten Sprachen richtet sich das Interesse des seriösen Forschers, denn diese sind nicht explizit für Aussenstehende verfasst, sondern geben Einblick in die Realität des jeweiligen Kulturraumes. Wer nicht über ausreichende Kommunikationsfähigkeiten in den entsprechenden Fremdsprachen verfügt, dem bleibt ein Grossteil der direkten Informations- und Kontaktmöglichkeiten vorenthalten.
Studierende, Forscher sowie in Politik, Diplomatie und Wirtschaft Tätige spüren die Notwendigkeit von Fremdsprachenkenntnissen in ihrer täglichen Arbeit ständig. Durch die zunehmende Globalisierung wird es in allernächster Zukunft kaum eine qualifizierte Berufssparte mehr geben, in der man ohne gute Kenntnisse in mehreren Fremdsprachen auskommt. Wer glaubt, Englischkenntnisse seien ausreichend, der nimmt die Kommunikationsrealität in der Schweiz, in Europa und in der Welt nicht zur Kenntnis. Gerade in unserer Zeit, in der das Englische als internationale Kommunikationssprache starken Druck auf "kleinere" Sprachgemeinschaften ausübt, werden diese sich ihrer Bedrohung bewusst und nutzen ihre eigene Sprache selbstbewusster. Für Angehörige grösserer Sprachräume, insbesondere solche, die eine bedeutende politische und wirtschaftliche Macht darstellen, ist die Rivalität mit dem Englischen zu einem wichtigen Politikum geworden. China - bei weitem kein unbedeutender Sprachraum -verzichtet seit 1996 beispielsweise auf die konsekutiven englischen Übersetzungen seiner Verlautbarungen und Fragestunden anlässlich von Pressekonferenzen, woran sich das erstarkte Selbstbewusstsein dieser Sprachgemeinschaft erkennen lässt.

2. Sprachenpolitische Massnahmen

2.1 Exkurs

Es ist in der Schweiz, bezogen auf alle Ausbildungsstufen, kein bildungspolitischer Grundkonsens erkennbar, wie dieser mehrsprachlichen Herausforderung begegnet werden soll. Diese Herausforderung, die alleine im helvetischen Kontext seit Jahrzehnten einer Lösung harrt, ist durch das zusammenwachsende Europa und die zunehmende Globalisierung aller auf Kommunikation angewiesenen Bereiche gewiss nicht einfacher zu meistern. Von verschiedenen Seiten wird denn auch eine aktive und koordinierte Sprachenpolitik als überfällig betrachtet (Altermatt 1996). Durch den zunehmenden Druck von aussen hat die Sprachenpolitik neue Impulse erhalten. In diesem Zusammenhang ist der Zürcher Entscheid zur Einführung des obligatorischen Englischunterrichts an der Volksschule auf Kosten von Französisch und Italienisch zu sehen. Die hierzu entstandene Diskussion kann hier nicht nachgezeichnet zu werden.(1) Es ist aber abzusehen, dass sich dadurch die lateinische Schweiz einer zunehmenden Diskriminierung ausgesetzt sieht, in deren Folge das praktizierte indifferente Nebeneinander durchaus in ein Gegeneinander mit weitreichenden Folgen umschlagen kann.
Der Ursache für die Unbeliebtheit und Ineffizienz der Vermittlung des Französischen bzw. des Deutschen in den jeweils (hauptsächlich) anderssprachigen Landesteilen braucht hier ebenfalls nicht auf den Grund gegangen werden. Tatsache ist jedoch, dass StudienanfängerInnen nach etlichen Jahren Französisch oder Deutsch in der Schule in diesen Fremdsprachen nicht sattelfest sind. Der Zürcher Englischentscheid wird, wenn er Schule macht, diese Situation wohl kaum verbessern. Bezüglich der weiteren in Europa und der Welt gesprochenen Sprachen gibt es keine einheitliche Strategie, oft noch nicht einmal (publizierte) Äusserungen. Der Bedarf an Kenntnissen in weiteren Fremdsprachen lässt sich freilich nicht mit einer Ausweitung des Fremdsprachenunterrichts im primären oder sekundären Ausbildungsbereich in den Griff bekommen, da alleine die mögliche Unterrichtsstundenzahl hier eine Grenze setzt. Um sowohl die Sprachenvielfalt zu erhalten, die Ressentiments zwischen den Sprachregionen abzubauen und den Bedürfnissen der europäischen Integration sowie der Dominanz des Englischen wirkungsvoll begegnen zu können, müssten auf eidgenössischer Ebene Sprachförderungsprogramme lanciert werden, die bereits im Vorschulalter einsetzen. Zweisprachige Kinderkrippen und Kindergärten, Immersionsunterricht in einzelnen Fächern, der bereits in zweisprachigen Grundschulen beginnt, würde nachhaltige Abhilfe schaffen und in höheren Klassen sowie im tertiären Bereich dem effizienten Erlernen einer dritten oder vierten Fremdsprache genügend Raum geben.
Diese Frage wurde immer wieder, bekanntlich ohne Erfolg, diskutiert und ist nach dem Zürcher Englischentscheid aktueller denn je. Es käme endlich darauf an, zu handeln und die politischen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Vor diesem Hintergrund ist der Zürcher Entscheid auf halbem Weg stehen geblieben. Es ist enttäuschend zu sehen, welch gewaltiges Sprachenpotential hier ungenutzt brachliegt, um das Ideal einer viersprachigen Schweiz, die vielsprachig miteinander kommuniziert, umzusetzen.

2.2 Fremdsprachenunterricht als hochschulspezifische Domäne

Dieser Exkurs bringt uns zum eigentlichen Thema zurück. Die voruniversitäre Sprachausbildung ist i.d.R. für die Bedürfnisse der Fachstudien an den Universitäten nicht ausreichend. Es werden ja auch nicht alle für Fachstudien notwendigen Sprachen in der Sekundarstufe angeboten. Die Hochschulen sind der Ort, an dem junge Menschen qualifizierte Kenntnisse in ihren jeweiligen Spezialgebieten erwerben. Ihr späteres Tätigkeitsfeld ist nach der Aufnahme des Studiums rasch gefestigt - anders als es in der Sekundarstufe möglich sein kann - und sie richten ihr Interesse auf Spezialgebiete innerhalb ihres jeweiligen Faches aus. Es ist die richtige Zeit und der richtige Ort, um die für Beruf und Studium benötigte(n) Fremdsprache(n) zu lernen oder vorhandene Fertigkeiten zu verbessern.
In unserer hochspezialisierten Welt fächern sich die Teilgebiete aller Disziplinen immer stärker auf, auch die Spezialisierung für bestimmte Kulturräume gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die allgegenwärtige "Verschlankung" von Betrieben und die Verkürzung von Entscheidungswegen führt dazu, dass Personen in Spitzenpositionen neben ihrer Fachkompetenz über ausgeprägte interkulturelle und fremdsprachliche Kompetenz in spezifischen Kultur- und Sprachräumen verfügen müssen. Die Geschwindigkeit, mit der heute Texte fabriziert und ausgetauscht werden, verbietet es, sich auf Dolmetscher und Übersetzer zu verlassen. Direktorinnen und Teamleiter müssen - ebenso wie ihre Mitarbeiter - Primärquellen auswerten und fremdkontextliche Situationen aus erster Hand einschätzen und auf dieser Grundlage rasch entscheiden können.
In Studiengängen, die auf ein unmittelbar auslandsbezogenes Berufsfeld vorbereiten, sind also Fremdsprachenkenntnisse unabdingbar. Dass hier Englisch alleine nicht ausreicht, liegt auf der Hand. Wer Informationen aus erster Hand zu beliebigen Aspekten z.B. der philippinischen, indonesischen oder chinesischen Kulturen beruflich verwerten muss, ist ohne angemessene Sprachkenntnisse in Tagalog, Indonesisch oder Chinesisch im Berufsalltag nicht konkurrenzfähig. Anzunehmen, Englisch genüge als lingua franca, heisst, von diesen Kulturen wenig zu verstehen. Die Notwendigkeit regionaler Sprachkenntnisse ist nicht auf explizit "kulturwissenschaftliche" Fächer wie Religionswissenschaft, Ethnologie oder z.B. Kunstgeschichte beschränkt. Interkulturelle Kompetenz ist in allen Berufen gefragt. Ein Grundsatzpapier der deutschen Hochschulrektorenkonferenz zur universitären Fremdsprachenausbildung von 1996 hebt die längst bekannte Tatsache hervor, dass bei marktnahen unternehmerischen Aktivitäten, bei Verhandlungen, in der Fabrik, auf der Baustelle, bei der Auswertung oder Ausarbeitung von Vertragstexten, in Werbung und Marktanalyse jeweils die Kommunikation in der Landessprache gemeistert werden müsse und Englisch nicht ausreiche. Darüber hinaus ist natürlich die Kenntnis kulturspezifischer Interaktionsmuster unerlässlich. Aus dieser Erkenntnis werden Forderungen für eine diversifizierte Fremdsprachenausbildung an Hochschulen gefordert [HRK 1996]. Es bleibt zu hoffen, dass die Hochschulplanungskommission in ihrem nächsten Mehrjahresplan der Schweizerischen Hochschulen der Fremdsprachenausbildung entsprechendes Gewicht verleiht. Im Plan 1996-1999 wird die universitäre Fremdsprachenausbildung jedenfalls noch nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt [HPK 1994].

3. Studienbegleitender Fremdsprachenunterricht und seine Didaktik an Schweizer Hochschulen

3.1 Charakteristika der hochschulspezifischen Fremdsprachenausbildung

Wenn hier von Fremdsprachenunterricht gesprochen wird, dann ist damit die studienbegleitende fachbezogene und fächerübergreifende Fremdsprachenausbildung gemeint, die sich an Studierende (auch Gastdozierende und Lehrkräfte) aller Disziplinen richtet. Darin eingeschlossen sind Grund- und Aufbaukurse in Deutsch, Französisch und Italienisch, die fremdsprachigen Studierenden (aus dem In- und Ausland) die Aufnahme eines Studiums an einer Schweizer Universität überhaupt erst ermöglichen.
Nicht gemeint sind die Fachphilologien, denen es primär um die Erforschung der jeweiligen Sprachen und Literaturen geht (also Germanistik, Anglistik, Romanistik, Slavistik etc.) und die sich für die praktische Vermittlung von Fremdsprachen als Praxis- und Forschungsfeld nicht oder nicht primär interessieren.
Es geht also z.B. um Deutsch als Fremdsprache, Englisch als Wissenschaftssprache, Lesekurse in Spanisch für Historiker, Chinesisch für Religionswissenschaftler, Ethnologen und Philosophen oder um Italienisch für Kunsthistoriker, um nur einige Beispiele zu nennen. Für Studierende der verschiedensten Disziplinen ist es nicht notwendig - und zumeist auch gar nicht möglich -, Islamwissenschaft zu studieren, wenn sie für ihr Studium oder ihren späteren Beruf praktische Türkischkenntnisse brauchen, oder Slavistik, wenn sie auf verwertbare Russischkenntnisse angewiesen sind.
Da solche hochschulrelevanten fremdsprachlichen Fertigkeiten in der voruniversitären Ausbildung nicht vermittelt werden können, ist die fremdsprachliche Ausbildung als unverzichtbares Element der akademischen Qualifizierung zu betrachten, über das jede Hochschule verfügen muss.
Wie sieht nun ein solchermassen spezifiziertes Fremdsprachenangebot an den Schweizer Hochschulen gegenwärtig aus? Schon die institutionelle Verankerung der Fremdsprachenkurse ist an verschiedenen Hochschulen auf verschiedene Weise gelöst. Wir finden Kurse an einem Sprachenzentrum (Modell Uni Lausanne), an einer Abteilung für angewandte Linguistik (Modell Bern), an Instituten für deutsche, englische und französische Sprache (Modell Freiburg), in Philologien wie z.B. dem Institut für Islamwissenschaft mit Kursen in Türkisch oder Arabisch oder am Institut für Ethnologie mit Kursen für Indonesisch, die auch für Nicht-Fachstudierende offen sind (Modell Bern) oder an einer eigenen "kulturwissenschaftlichen Abteilung" (Modell St. Gallen). Darüber hinaus bieten auch Mediotheken (EPFL, Genf) bzw. Sprachlabors (Genf, Zürich) die Möglichkeit, Fremdsprachen zu lernen. Einige Institutionen, die Fremdsprachenunterricht anbieten, betreiben auch Selbstlernzentren (Mediotheken, Medienlernzentren).
Die Universitäten von Genf, Zürich und Basel z.B. bieten innerhalb der Philologien auch praktische Sprachkurse an; es ist aber unklar, ob und inwiefern sie von Studierenden aller Fakultäten besucht werden dürfen und auch ihren Bedürfnissen entsprechen. An der ETH Zürich werden an der Abteilung für Geistes- und Sozialwissenschaften Sprachkurse in neun Fremdsprachen angeboten. Die Universität der italienischen Schweiz hat in das Studienprogramm der Fachbereiche für Wirtschaftswissenschaften und für Kommunikationswissenschaften obligatorische Fremdsprachenkurse in Englisch sowie wahlweise Französisch oder Deutsch integriert. Kurse in der Unterrichtssprache Italienisch werden von der Universität selbst nicht angeboten (http://www.lu.usi.ti-edu.ch).
Es kann hier, schon auch aus Platzgründen, keine umfassende Darstellung geliefert werden. Es werden daher nur vier Einrichtungen näher vorgestellt, zu denen ich Informationen aus erster Hand habe. Eine schweizweite Erhebung zum studienbegleitenden Fremdsprachenunterricht wird derzeit von Brigitte Forster Vosicki und mir vorbereitet (Die aktuellsten mir bekannten Daten wurden 1994 von der Studien- und Berufsberatung des Kantons Zürich vorgelegt [Sprachkurse an Schweizer Hochschulen, 1994]).

3.2 Das Sprachenzentrum der Universität Lausanne

Das Sprachenzentrum der Universität Lausanne wurde 1989 auf Initiative des Rektorats hin gegründet, um der grossen Nachfrage nach einer universitätsadäquaten, hochqualifizierten und praktischen Sprachausbildung auf dem Universitätskampus nachzukommen. Das Sprachenzentrum ist direkt dem Rektorat unterstellt. Es erteilt fakultative, kursbegleitende Sprachkurse für Hörer aller Fakultäten oder spezifisch für bestimmte Fakultäten und bietet auch
Selbstlernmöglichkeiten in den Fremdsprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch an. Es werden Semesterstreukurse und Intensivkurse während der Semesterferien angeboten.
Neben allgemeinen Sprachkursen und Fachsprachenkursen werden Examenskurse durchgeführt, die auf verschiedene nationale und internationale Prüfungen vorbereiten. Darüber hinaus finden sich im Lehrangebot auch methodologische Kurse zur Studierfähigkeit (z.B. in der Fremdsprache Veranstaltungen folgen und Vorträge halten) insbesondere für Englisch, aber auch für Deutsch sowie Examensvorbereitungskurse für Nicht-Frankophone für Französisch.
Zum Tätigkeitsbereich der Lehrkäfte des Sprachenzentrums gehört die Entwicklung von Lehrmaterialien, die Organisation von autonomem Lernen, die Evaluation von Lehrmaterialien oder die Mitarbeit in den thematischen Netzwerken der verschiedenen Programme der Europäischen Kommission. Diese Tätigkeiten, die theoretische Reflexion über die Sprachlehrforschung bedingen, aber nicht bei ihr stehen bleiben, beziehen den Medieneinsatz im Unterricht, die Weiterbildung von Sprachkursleitenden und die interkulturelle Vorbereitung von Mobilitätsstudierenden mit ein.
Die eigene Weiterbildung ist obligatorisch für alle Mitarbeiterinnen des Sprachenzentrums. Dies geschieht intern durch regelmässige Sitzungen und Erfahrungsaustausch, Einladung von externen AusbilderInnen, Teilnahme an Kongressen und Tagungen, LehrerInnenfortbildungsveranstaltungen und aktive Mitarbeit in Fachverbänden. Heute beschäftigt das Centre de langues für den Unterricht elf Lehrerinnen auf Teilzeitbasis mit privatrechtlichen Jahresverträgen.
Das Sprachenzentrum ist aus dem Institut Linguistique et Sciences des Langues (ILSL) hervorgegangen, das aus Vertretern der Linguistik und der verschiedenen Sprachphilologien besteht, und dieses Institut beschäftigt sich auch mit der
theoretischen Reflexion über Spracherwerb. Dem ILSL ist die École de Français Moderne (EFM) angegliedert, die ein Französischprogramm für nicht-frankophone Studierende anbietet, welches neben unterschiedlich gewichteten Sprachkursen auch Kurse durchführt, die zum Zertifikat oder zum Diplom der Lehrbefähigung für Französisch als Fremdsprache führen (zusammengefasst nach Forster Vosicki 1997).

3.3 Das Institut für Deutsche Sprache der Universität Freiburg

Das Institut für Deutsche Sprache (IdS) wurde 1973 gegründet und nahm im Wintersemester 1973/74 seine Lehrveranstaltungen auf. Es untersteht der Abteilung für Moderne Sprachen und Literaturen der Philosophischen Fakultät.
Aus dem ursprünglichen Lehrangebot von Deutschkursen für Hörer aller Fakultäten hat sich ein komplexes Kursprogramm für Studierende aller Disziplinen für Deutsch und für zukünftige Lehrkräfte für das Fachgebiet Deutsch als Fremdsprache entwickelt. Neben Kursen, die auf fünf Stufen zu institutseigenen Diplomen führen, werden heute u.a. Kurse zu studienspezifischen Fertigkeiten (z.B. in Vorlesungen Notizen machen, Vorträge erarbeiten usw.) und Fachsprachenkurse (z.Z. Recht, Wirtschaft, bald alle Disziplinen) angeboten. Das IdS ist mit der Durchführung der Prüfung zum Nachweis einer fremdsprachlichen Studierfähigkeit Deutsch für immatrikulationswillige internationale Studierende der Universität Freiburg betraut (Aufnahmeprüfung).
Das IdS ist für einen Grossteil des Studiums sowohl nicht-deutschsprachiger als auch deutschsprachiger SekundarlehramtsstudentInnen zuständig, die das Fach Deutsch als Fremdsprache als Hauptfach bzw. als Ergänzungsfach wählen. Darüber hinaus unterrichtet das IdS seit dem WS 1997/98 zukünftige Gymnasiallehrerinnen im neuen Studienschwerpunkt Deutsch als Fremdsprache innerhalb der germanischen Philologie.
Die Forschungsprojekte der LektorInnen behandeln Themen wie Evaluation und Selbstevaluation, Lernautonomie, Medieneinsatz, Zwei-/Mehrsprachigkeit, Tandem sowie die Konzeption und Analyse von Lehrmaterialien. Darüber hinaus besteht eine enge Kooperation mit den deutschsprachigen Ländern bei der Revision internationaler Diplome und der Weiterbildung von Hochschullehrern aus Ländern Mittel- und Osteuropas. Weiterbildungsveranstaltungen bestehen auch für Lehrkäfte nahezu alle Schulstufen und in der Erwachsenenbildung.
In der Audiothek werden Audiomaterialien zu über 35 Sprachen bereitgehalten. Der Schwerpunkt der Bibliothek liegt auf Fremdsprachendidaktik hauptsächlich für Deutsch als Fremdsprache. Das seit mehreren Jahren verfolgte Projekt einer Fremdsprachenmediathek wird im Laufe des Jahres 1998 in die Betriebsaufnahme eines Selbstlernzentrums führen, nachdem eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Spracheninstitute für Französisch und Englisch dem Rektorat ein entsprechendes Konzept unterbreitet hat.
Das IdS ist seit seiner Gründung stark gewachsen: aus ursprünglich zwei Lektoraten ist ein akademischer Mitarbeiterstab von vier Lektorinnen, drei Lehrbeauftragten und einer Unterassistentin entstanden. Durch die Schaffung der Stelle eines professeur associé zum 1. Oktober 1996 bekam der Bereich DaF in der Schweiz endlich auch ein akademisches Gewicht.
Die Lehrveranstaltungen, die Forschungsprojekte und das Aus- und Weiterbildungsprogramm setzen den Anspruch der Förderung der Zweisprachigkeit von Universität und Kanton schwerpunktmässig um, was für die einzige zweisprachige Universität Europas von besonderer Bedeutung ist.
Die Institute für französische und für englische Sprache, die kürzlich reorganisiert wurden, verfolgen - vorläufig in geringerem Umfange - ähnliche Ziele wie das IdS (zusammengefasst nach Langner 1997).

3.4 Die Abteilung für angewandte Linguistik der Universität Bern

Die Abteilung für angewandte Linguistik (AAL) wurde 1964 als "Audiovisuelle Sprachschule" gegründet und ist damit wohl eine der ältesten universitären Einrichtungen dieser Art in der Schweiz. Die AAL ist seit ihrem Bestehen Bestandteil des Instituts für Sprachwissenschaft.
Die AAL ist heute ein universitäres Sprachenzentrum mit den Schwerpunkten Lehre und Forschung in sieben Fremdsprachen: Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Neugriechisch, Russisch, Spanisch. Mangels Stellen kann Französisch nicht angeboten werden, was in einem zweisprachigen Kanton eigentlich kaum verantwortbar ist; im WS findet ein Hörverständniskurs in Berndeutsch, der inoffiziellen Universitätssprache statt. Es werden Semesterstreukurse und Vorsemesterintensivkurse resp. Blockkurse durchgeführt.
Stundenzahl, Adressaten, Ziele und Niveaus sind in den einzelnen Sprachen unterschiedlich. Beispielsweise bewegen sich die Englisch- und Italienischkurse auf mittlerem und höherem Niveau, während Spanisch nur auf der Grundstufe angeboten wird. Ein Teil der Kurse sind Fachsprachenkurse oder bereiten auf studienbezogene Fertigkeiten vor. Ein anderer Teil der Kurse erfolgt in Zusammenarbeit oder in Abstimmung mit anderen Instituten. So werden Vorsemesterintensivkurse in Hocharabisch in Zusammenarbeit mit dem Islamwissenschaftlichen Institut durchgeführt, und es wird Chinesisch für Studierende der Sprachwissenschaft, der Religionswissenschaft und der Ethnologie angeboten, in deren Lehrplänen der Besuch sprachpraktischer Veranstaltungen in einer aussereuropäischen Sprache vorgeschrieben ist. Die Chinesischkurse stehen auch Studierenden der Universitäten Freiburg und Neuenburg offen (ca. 1/4 bis 1/3 der Studierenden sind aus Freiburg). Die AAL führt die obligatorischen Deutschtests für internationale Studierende nicht-deutscher Muttersprache durch (Aufnahmepüfung). Die Pflichtenhefte der LektorInnen weisen einen Anteil von mindestens 20% an Forschung auf. Die Forschungsschwerpunkte liegen auf den Gebieten autonomes Lernen, Lernen mit Partnern ("Tandem", "Collaborative Writing"), rechnergestützter Fremdsprachenerwerb, Evaluation von Sprachlehr- und -lernmitteln, Didaktisierung authentischer Texte, Medieneinsatz beim Fremdsprachenlernen, Kriterien zur Entwicklung von Prüfungen, Aus- und Weiterbildung von Sprachkursleitenden, Wissenschaftssprache. Die Entwicklung von (z.T. computergestützten) Lehrmitteln ist ein Ergebnis der angewandten Forschung. So wurde mit Orizzonti ein Italienischlehrmittel für den Kanton Bern erarbeitet. Die AAL besitzt eine grosse Forschungsbibliothek zur Sprachlehrforschung und den an der AAL unterrichteten Sprachen.
Für die Erziehungsdirektion Bern und für den Berner Lehrerverein werden verschiedene Kurse auf dem Gebiet der Lehreraus- und -weiterbildung durchgeführt. Die AAL bestreitet auch die Vorlesung "Einführung in die Fremdsprachendidaktik", die sich an Studierende des Sekundarlehramts richtet.
Aufgrund eines Fakultätsbeschlusses von 1988 betreibt die AAL ein Medienlernzentrum (MLZ), das vornehmlich Studierenden und Lehrkräften der Geisteswissenschaften, der Medienwissenschaft und der Politikwissenschaft zum selbstgesteuerten Lernen mit diversen modernen Medien dient. Im Bereich Fremdsprachen wird das MLZ von allen Sprachen der Abteilung für das autonome Lernen genutzt. Bis zu 50% des Lehrangebots werden - je nach Sprache – zum autonomen Lernen angeboten.
Im Laufe der Jahre hat die AAL viele Stellen einsparen müssen; so hat z.B. das Lehrgebiet Deutsch als Fremdsprache 1995 ein ganzes Lektorat verloren; daher werden keine Grundkurse in Deutsch mehr durchgeführt. Heute beschäftigt die AAL sechs Lehrbeauftragte (14 WSt.), vier LektorInnen (300%) eine Assistentin (66,6%), zwei Hilfsassistenten (62,5%) und eine Sekretärin. Alle MitarbeiterInnen sind in unterschiedlichem Masse auch an der Entwicklung des Medienlernzentrums beteiligt (zusammengefasst nach Lachner 1997).

3.5 Das Fremdsprachenangebot der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen

Das Fremdsprachenangebot der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen stellt insofern einen - vorbildlichen - Sonderfall in der Schweizer Hochschullandschaft dar, als die Studierenden dieser Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften zwingend eine der angebotenen Fremdsprachen Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch oder Japanisch lernen müssen (Chinesisch wurde 1997 gestrichen). Das Lehrangebot in Fremdsprachen ist also fest in den einzelnen Studiengängen verankert. Die Sprachprüfungen haben das gleiche Gewicht für die Examensnote wie die anderen Fächer. Auch an der Tatsache, dass die Sprachfächer in einer eigenen Fakultät des gleichen Status wie die anderen Fakultäten untergebracht sind, zeigt sich die Bedeutung, die diesem Lehrangebot zugemessen wird. Da dem Sprachlehrangebot der Universität St. Gallen ein separater Artikel gewidmet ist, wird es hier nicht ausführlicher vorgestellt.

3.6 Perspektiven

Mit Ausnahme der Institute für deutsche, englische und französische Sprache der Universität Freiburg und der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen, die über eine der Bedeutung des Fremdsprachenunterrichts und seiner Didaktik angemessene Ausstattung verfügen, werden an den anderen genannten Hochschulen Stellen eingespart oder es kann der Lehrbetrieb nur dadurch aufrechterhalten werden, indem die Studierenden über Kursgebühren den Etat der Sprachenzentren bezuschussen. Ein besonders krasses Beispiel für den niedrigen Stellenwert, der dem Fremdsprachenunterricht zugebilligt wird, ist die Privatisierung des Sprachenzentrums der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) im Jahre 1996.
Das Sprachenzentrum der EPFL hat nach jahrelangen Vorarbeiten eine vorbildliche Mediothek zum autonomen Lernen eingerichtet, an deren Konzeption sich Mediotheken anderer Schweizer Hochschulen orientiert haben. Obwohl das Sprachenzentrum organisatorisch und didaktisch effizient geführt wurde und erfolgreich gearbeitet hat, wurde es nach Kriterien des freien Marktes evaluiert und schliesslich zur Privatisierung ausgeschrieben. Bezeichnend für den Status des Fremdsprachenunterichts und der Sprachlehr- und -lernforschung ist die Tatsache, dass kein anderes Institut eine solche Prozedur über sich ergehen lassen musste. Es dürfte wohl kaum ein unabhängiges universitäres Institut geben, das selbsttragend arbeitet.
Mit diesem Privatisierungsentscheid wurde nicht nur die jahrelange Aufbauleistung der Mitarbeiterinnen des Sprachenzentrums missachtet und zunichte gemacht, sondern er zeigt auch die Bedrohung, der der gesamte Komplex des Fremdsprachenunterrichts und seiner Didaktik auf universitärer Ebene in der Schweiz ausgesetzt ist. Kommentare zu diesem Entscheid von Dekanen und Rektoren anderer Universitäten zielen in eine solche Richtung. In diesem Zusammenhang ist der Beschluss der phil.-hist. Fakultät der Universität Bern von Anfang 1997 zu sehen, alle Lehraufträge der Abteilung für angewandte Linguistik für Fremdsprachen zu streichen und langfristig nur noch Deutsch als Fremdsprache und Englisch als Wissenschaftssprache anzubieten.
Dass solchermassen fremdbestimmte oder ausgehöhlte Abteilungen keine unabhängigen Einheiten mehr darstellen und zu reinen Dienstleistungseinrichtungen verkommen, die mangels Fachdialog auch keiner Forschung mehr nachgehen können, wird von den Enscheidungsträgern offenbar in Kauf genommen. Dass beim Fremdsprachenunterricht ohne Forschung letztlich auch die Lehre verkümmert, versteht sich von selbst. In diesem Fach ist der praktische Unterricht sozusagen Gegenstand der Forschung. Forschung und Lehre befruchten und bedingen einander in einer Weise, wie dies in keinem anderen akademischen Fach möglich ist.
Inhaltliche Begründungen für die Dezimierung des Sprachenangebots oder die Abschaffung dieser Fachrichtung von zentraler Bedeutung werden kaum gegeben, Forschung und Lehre im Bereich des Fremdsprachenunterrichts werden lapidar als etwas angesehen, dass man "sich nicht mehr leisten" könne (Bern). Eine solche Beurteilung ist keine fachlich-inhaltliche Begründung, sondern verrät die vorurteilsträchtige Einstellung gegenüber dem Fremdsprachenunterricht und seiner Didaktik. Es handelt sich dabei offenbar um ein Betätigungsfeld, für dessen Ausübung es in der Beurteilung derjenigen, die die Stellen zu streichen beschliessen, keiner besonderen Ausbildung bedarf und das auch noch als zu hoch bezahlt eingestuft wird. In Tat und Wahrheit gibt es wohl kaum eine Sparte innerhalb der Geisteswissenschaften, in der das Kollegium sich so intensiv mit der eigenen Fortbildung und Fragen der Didaktik beschäftigt; obendrein sind die zumeist auf Stundenbasis angestellten Lehrbeauftragten auch noch die am schlechtesten bezahlten und sozial am wenigsten abgesicherten Mitglieder des universitären Lehrkörpers.
Der Fremdsprachenunterricht und seine Didaktik wird offenbar wegen seiner Praxisnähe als einer akademischen Einrichtung nicht würdig eingestuft. Dies steht im offenen Widerspruch zu der Tatsache, dass an den Universitäten in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sowie in der Medizin doch auch praktische Veranstaltungen anzutreffen sind. Warum wird gerade für die fremdsprachlichen Veranstaltungen das Prinzip "Outsourcing" angewandt? Unter Hinweis auf den Praxisbezug oder die allgemeine, nicht fachspezifische Ausrichtung könnten ebenso gut die in vielen Fachbereichen anzutreffenden Veranstaltungen z.B. in Statistik, in Rechner- und Programmnutzung oder in Datenrecherche und sogar ganze Bereiche wie z.B. die universitären Rechenzentren ausgelagert werden. Wer käme auf die Idee, Sprachkurse (Latein, Griechisch, Hebräisch etc.) in den theologischen Fächern in Frage zu stellen oder die Sprachkurse in den Islamwissenschaften, die die Auswertung von Quellen ja erst ermöglichen? Was bliebe bei einem solchen Verfahren von den Universitäten übrig?
Nur weil es für die mündliche Kommunikation (in der Muttersprache) offenbar keiner besonderen Anstrengung (und vordergründig) auch keiner besonderen Kenntnisse bedarf, können Fremdsprachenkenntnisse doch nicht als etwas angesehen werden, das auf ebenso "naturgegebene" Weise vermittelt werden kann. Für die Erteilung eines effizienten Fremdsprachenunterrichts bedarf es methodisch und fachspezifisch geschulter Spezialistinnen, deren Kenntnisse und Kompetenz solchen in anderen Fächern in nichts nachstehen und für deren Erwerb es einer anspruchsvollen Aus- und Weiterbildung bedarf.
Schon vor 30 Jahren haben F. Denninghaus und U. Bonnekamp (1970, 21) erkannt, dass die Geringschätzung der Universität für den praktischen Sprachunterricht vor allem damit zu tun hat, dass die Professoren, bei denen ja die Hauptverantwortung für Wissenschaft und Lehre liegt, kaum je sprachpraktische Veranstaltungen durchführen und auch nicht die wissenschaftliche Verantwortung für die Organisation der Sprachkurse übernehmen. Sprachpraktische Übungen werden in aller Regel Lehrbeauftragten oder Assistenten überlassen, die man für eine feste Anstellung an der Universität als nicht genügend qualifiziert betrachtet. Auf diese Weise können die tatsächlich interdisziplinär ausgerichteten Sprachlehrveranstaltungen schnell einmal zum Spielball der Partikularinteressen der jeweiligen Institute werden, wenn es ums Sparen oder Restrukturieren geht. Obwohl den Zielen einer universitären Gesamtstrategie verpflichtet, finden entsprechende Einrichtungen oder Veranstaltungen kaum Fürsprecher, wenn kein Ordinarius direkt für sie verantwortlich ist, der in den Fakultätsgremien die Interessen seines Lehr- und Forschungsbereichs inhaltlich begründet vertreten könnte.

4. Das ideale universitäre Sprachenzentrum

4.1 Grundsätzliche Überlegungen

Wenn hier von "Sprachenzentrum" die Rede ist, so wird damit eine zentrale universitäre Einrichtung bezeichnet, die in enger Zusammenarbeit mit möglichst allen Disziplinen Studierenden (und Lehrenden) aller Fakultäten hochschulspezifische Fremdsprachenkurse anbietet und entsprechende Forschung betreibt. Die aktuelle Bezeichnung der Institution ist nebensächlich. Zu diskutieren wäre allenfalls die Frage der institutionellen Anbindung. Da ein solches Sprachenzentrum zentrale Aufgaben wahrnimmt, könnte eine administrative Verknüpfung mit dem Rektorat gewisse Vorteile bringen. Zum Beispiel könnte auf diese Weise sichergestellt werden, dass bei der Verteilung der knapper werdenden Mittel dieses wichtige Gebiet der universitären Ausbildung bestehen bleibt. Es ist klar, dass es sich bei dem hier eingeforderten Sprachenzentrum um ein Idealmodell handelt, das an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten angepasst werden muss.
Um den wissenschaftlichen Dialog mit den peripheren Hilfswissenschaften der Sprachlehrforschung (Lernpsychologie, Psycholinguistik, Literaturwissenschaft, Pädagogik etc.) aufrechtzuerhalten, wäre eine fachliche Vernetzung mit den Fächern der phil.-hist. Fakultät und eine Eingliederung in ein Institut für Sprachwissenschaft sinnvoll. Die Aufsplitterung des Fremdsprachenangebots in die einzelnen Philologien, wobei die einzelnen Sprachen dann jeweils als Subdomänen untergebracht wären, wäre nicht ideal, da auf diese Weise nur die Schulsprachen zur Geltung kämen und da die Sprachlehrforschung damit nicht das Gewicht erhielte, das ihr gebührt. Ausserdem bekämen die Studierenden so keinen zentraler Überblick über das Angebot, und die Möglichkeit zur Nutzung von Synergien würde vergeben.
Neben der Etablierung bzw. Konsolidierung der Sprachenzentren an allen Hochschulen wäre die Einrichtung eines Instituts für Sprachlehrforschung an einer Schweizer Universität eine längst überfällige Notwendigkeit. Solche Institute bestehen beispielsweise in Deutschland an den Universitäten Bochum (seit 1976) und Hamburg (seit 1978), was dort sehr zur Förderung des akademischen Fremdsprachenunterrichts und zur Anerkennung der Sprachlehrforschung als wissenschaftlicher Disziplin, auch im internationalen Wettbewerb, beigetragen hat. Ein solches Institut könnte auch auf die Sprachfächer in der universitären Sekundarlehrerausbildung einwirken, wo dieser Bereich gegenwärtig kaum fächerübergreifend abgedeckt wird (an der Uni Bern gibt es beispielweise nur eine zweistündige allgemeine Vorlesung zur Fremdsprachendidaktik für angehende Sekundarlehrkäfte pro Jahr, die von der AAL bestritten wird; die entsprechenden Veranstaltungen am IdS in Freiburg sind auf die Unterrichtssprache Deutsch bezogen).
Als ausgewiesenes Zentrum für das Fachgebiet Deutsch als Fremdsprache, das über eine Professur verfügt, kommt dem Institut für deutsche Sprache der Universität Freiburg hier eine Schlüsselrolle zu. Wenn sich die dortigen Institute für englische und für französische Sprache ebenso entwickeln wie das IdS, wenn alle drei Institute auf sprachtheoretischem Gebiet zusammenarbeiten und den Sprachenkanon noch erweitern, dann wäre die Etablierung einer Fachrichtung Sprachlehr- und -lernforschung am ehesten in Freiburg denkbar. Im Rahmen der BeNeFri-Konvention (2) könnte zusammen mit der Abteilung für angewandte Linguistik der Universität Bern ein ansehnliches Lehr- und Forschungsprogramm konzipiert werden. Die AAL könnte insbesondere auf dem Gebiet der Fachsprachen, der Lehreraus- und -weiterbildung und der nicht regulären Schulsprachen (Russisch, Spanisch, Arabisch, Chinesisch) sowie beim Medieneinsatz Lehr- und Forschungsinhalte beisteuern.

4.2 Minima für universitäre Sprachenzentren

An allen Sprachenzentren müssten in der Lehre die drei grossen Landessprachen und Englisch vertreten sein. Rätoromanisch sollte zumindest dort angeboten werden, wo eine entsprechende Schwerpunkt- oder Begleitforschung besteht, die die aktive Beherrschung des Rätoromanischen nötig macht. Hörverständniskurse in den jeweiligen deutschschweizer Dialekten, die ja die inoffizielle Umgangsprache auf dem Campus sind und de facto die Rolle der fünften (wenn nicht ersten) Landessprache spielen, sollten im Fächerkanon ebenfalls fest verankert sein. Es ist bekannt, dass das Bild des Schweizerdeutschen in der Westschweiz nicht sehr positiv ausfällt (Schwander 1981, 123). Daher ist es umso wichtiger, dass westschweizer Mobilitätsstudierende, die dies wünschen, sich den jeweiligen lokalen Dialekten in Hörverständniskursen annähern können, um damit ihre Vorurteile abzubauen und von der informellen Kommunikation an den jeweiligen Hochschulen nicht ausgeschlossen zu sein. Gleiches gilt für internationale Studierende.
Seltener unterrichtete (aber gleichwohl wichtige) Sprachen sollten in Abstimmung mit den lokalen Gegebenheiten und Notwendigkeiten in den Fächerkanon der Sprachenzentren aufgenommen werden. Hier sind vor allem Grundkurse in aussereuropäischen Sprachen gemeint, die für Studierende verschiedener Fachrichtungen für Studium und Beruf von Interesse sind und als Propädeutika für das Hauptstudium in kulturwissenschaftlichen Philologien wie etwa Islamwissenschaft oder Japanologie notwendig sind. Diese Philologien sind in aller Regel mit ihren Unterdisziplinen, die von Altertumskunde bis zur modernen Politik reichen, so ausgelastet, dass sie sich nicht um die Fremdsprachendidaktik kümmern können und den Sprachunterricht nicht nach den neuesten methodischen Erkenntnissen durchführen. Hier können die Sprachenzentren interdisziplinäre Hilfe leisten, indem sie gemeinsam mit diesen Fächern Lernziele und Lerninhalte abstimmen und die Kurse didaktisch begleiten, wenn nicht gleich selbst veranstalten (Modell Arabisch in Bern). Wie sich zeigt, können mit entsprechender Didaktik aussereuropäische Sprachen ebenso effizient unterrichtet und gelernt werden wie "Schulsprachen".
Um auch Studierende anderer Hochschulen von solchen Qualifikationsangeboten profitieren zu lassen, wäre es ein leichtes, die bestehenden Fachkonventionen der kooperierenden Hochschulen (z.B. dem oben genannten BeNeFri oder CUSO (3) auf den Fremdsprachenunterricht auszudehnen.
Die Sprachkurse dürfen nicht als Langzeitkurse geplant, sondern müssen adressatenspezifisch als kompakte Module entwickelt und angeboten werden, wobei Vorsemesterintensiv- und Blockkurse mit thematischen oder fachsprachlichen Schwerpunkten am effizientesten erscheinen. Die Kurse müssten so gestaltet sein, dass sie zur Eigenarbeit (Autonomie) anleiten. Hierfür sind von den Sprachenzentren geeignete Lernmaterialien zu entwickeln, zusammenzustellen und in Einrichtungen zum Selbstlernen (Medienzentren) bereitzuhalten. Da die moderne Fremdsprachendidaktik auch in medienpädagogischer Hinsicht zu den fortschrittlichsten Fachgebieten zählt, wäre es sinnvoll, die Sprachenzentren auch mit Konzeption und Entwicklung der Medienzentren zu betrauen. Es versteht sich von selbst, dass Sprachkurse als ihrer Natur nach hochschulrelevante Veranstaltungen für die Studierenden grundsätzlich kostenlos sein müssen.
Für die intensive mündliche Kommunikation und lernerspezifische Bedürfnisse eignet sich die Vermittlung von Sprachtandems, also der Austausch der eigenen Muttersprache mit der eines fremdsprachlichen Partners. Für die Organisation solcher Tandems, die z.B. an der Universität Freiburg mit grossem Erfolg stattfinden, bräuchte es eine Lehrkraft, die entsprechend freizustellen wäre.
Für die weiteren Aufgaben der Sprachenzentren können wir uns am Querschnitt des aktuellen Tätigkeitsspektrums der oben unter Punkt 2 vorgestellten Einrichtungen orientieren und brauchen diese nur noch in Erinnerung zu rufen: Ausbildung von Sprachlehrkräften, Leistungsmessung und -zertifizierung sowie Forschung für die Praxis. Auch diese Aufgabenfelder können in komplementärer Koordination auf die Hochschulen aufgeteilt werden. Bei der Leistungsmessung wäre es sogar dringend geboten, national vergleichbare Prüfungen und Zertifikate auszuarbeiten.
Es mag utopisch klingen, in Zeiten der Sparmassnahmen die Forderung nach dem Aufbau solcher Kompetenzzentren an allen Hochschulen zu stellen. Utopisch ist dies nur auf den ersten Blick. Fachkompetenz und Infrastruktur sind ja an den meisten Universitäten vorhanden; an manchen Universitäten schlummern darüber hinaus unentdeckte Potentiale in den philologischen Fächern, bei denen es nur einer gewissen Reorganisation bedürfte. Schliesslich bräuchte es ein interuniversitäres Expertengremium, das die zu kooperierenden Aufgaben an die Hand nähme.
Der 1996 gegründete Europäische Sprachenrat hat anlässlich seiner Eröffnungskonferenz im Juli 1997 in Lille das Papier der Arbeitsguppe "Fremdsprachenunterricht für Studierende verschiedener Disziplinen" verabschiedet; darin heisst es: "Fremdsprachenunterricht muss als das Recht von Studierenden aller Studienrichtungen (...) betrachtet werden, und die Entscheidungsträger der verschiedenen Ebenen haben die nötigen Massnahmen zu treffen, um diesem Recht Nachachtung zu verschaffen." ([ELC], 1997) Angesichts überlaufener Sprachkurse und langer Wartelisten ist Eile geboten.
In diesem Zusammenhang wäre es eine wichtige Aufgabe der einzelnen Hochschulfächer, die gestiegene gesellschaftliche Bedeutung von Fremdsprachen und den Mangel an systematischer Erforschung des Fremdsprachenlernens zu erkennen. Daraus wäre konsequenterweise der Schluss zu ziehen, dass Fremdsprachenkenntnisse für die Studierenden eine absolute Notwendigkeit darstellen und dass deshalb der obligatorische Fremdsprachenunterricht, wie er z.B. in St. Gallen besteht, in die einzelnen Studienordnungen aufzunehmen ist.
Wenn sich allerdings der an einigen Hochschulen eingeschlagene Weg der Einsparung fortsetzt und auf andere Hochschulen übergreift, würde sich die Schweiz ins europa- und weltferne Abseits begeben und die aktive Teilnahme an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen, für die Fremdsprachenkenntnisse unabdingbar sind, anderen, interkulturell kommunikationsfreudigeren Ländern und Sprachgruppen überlassen. Schon heute zählen Schweizer Studierende trotz entsprechender Förderprogramme in der Schweiz und in Europa nicht gerade zu den mobilsten im internationalen Vergleich. Die vorhandenen Programme werden vermutlich auch wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht ausreichend genutzt.
Bei einer Verbannung des Fremdsprachenunterrichts von den Hochschulen würden den Studierenden dringend benötigtem Möglichkeiten zur beruflichen Qualifikation genommen; hochschulexterne Sprachenschulen sind nicht in der Lage das studienspezifische Aufgabenspektrum des Fremdsprachenunterrichts adäquat abzudecken.
Darf man es zulassen, dass die Schweizer Studierenden über kurz oder lang regelrecht sprach-los werden?

Anmerkungen

1. Vgl. z.B. die zahlreichen Artikel zum Thema "Debatte: Sprachpolitische Perspektiven in der Schweiz" in Swiss Political Science Review, 1996, 2 (3) und folgende drei Nummern.
2. Kooperation zwischen den Universitäten Bern, Neuenburg und Freiburg. Siehe http://www.unifr.ch/wwwunifr/benefri
3. Conférence des Universités de la Suisse occidentale: Genf, Lausanne, Freiburg, Neuenburg, Bern, EPFL.

Literaturverzeichnis

ALTERMATT, U. Sprachenblöcke oder Sprachenvielfalt. Vortrag anlässlich des Dies academicus der Universität [Freiburg], am 15. November 1996, http://www.unifr.ch/spc/UF/96decembre/altermatt.html
Debatte: Sprachpolitische Perspektiven in der Schweiz, Swiss Political Science Review, 1996, 2 (3) und folgende drei Nummern.
DENNINGHAUS, F. / BONNEKAMP, U. 1970. Zur Gründung von Fremdspracheninstituten, Praxis des neusprachlichen Unterrichts, 21-27.
[ELC], 1997. European Language Council, Policy Paper "Language provision for students of other disciplines", http://userpage.fu-berlin.de/~elc/laprplen.htm
FORSTER VOSICKI, B., 1997, Protokoll des 2. Treffens der SIG "Didaktik des Fremdsprachenunterrichts an Hochschulen" in Lausanne vom 18. April 1997, http://www.aal.unibe.ch/vals/d/lsn18041997.html
[HPK 1994] Schweizerische Hochschulkonferenz, Hochschulplanungskommission, Mehrjahresplan 1996-1999 der Schweizerischen Hochschulen, Bern.
[HRK 1996] Hochschulrektorenkonferenz, Zur Vermittlung berufsbezogener interkultureller Qualifikationen an den Hochschulen, Fremdsprachen und Hochschule 46, 113-121.
http://www.lu.usi.ti-edu.ch [Universität der italienischen Schweiz]
LACHNER, A. 1997. Protokoll des 1. Treffens der SIG "Didaktik des Fremdsprachenunterrichts an Hochschulen" in Bern vom 7. Februar 1997, http://www.aal.unibe.ch/vals/d/bern07021997.html
LANGNER, M. 1997, Protokoll des 3. Treffens der SIG "Didaktik des Fremdsprachenunterrichts an Hochschulen" in Freiburg vom 20. Juni 1997, http://www.aal.unibe.ch/vals/d/fr20061997.html
SCHWANDER, M., 1981, Synthèse et conclusions, Bulletin CILA 33, 118-128
Sprachkurse an Schweizer Hochschulen, 1994, AGAB Mitteilungen, Erziehungsdirektion Zürich, Nr. 94-59, 94-60, 94-70

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